Was ist evangelisch?

Die Frage „Was ist evangelisch?“ taucht nicht nur in Suchmaschinen oder in den Kommentarspalten der Social-Media-Kanäle der Evangelischen Kirche im Rheinland auf. Viele evangelische Christinnen und Christen stellen sich die Frage vermutlich selbst immer wieder. Weil Glaube eine sehr persönliche Angelegenheit ist, gibt es auch viele Antworten auf die Frage, was Evangelisch-Sein bedeutet. Gemeinsamkeiten, auf die sich evangelische Christinnen und Christen verständigen, haben wir hier zusammengefasst.

Gott liebt uns als Menschen und nimmt uns an – ganz egal, wer wir sind, was wir leisten oder wen oder wie wir lieben. Darauf vertrauen wir als evangelische Christinnen und Christen. Die Bibel als Heilige Schrift ist für uns Quelle des Glaubens und Richtschnur für das Leben. Sie berichtet von dem Tod von Jesus Christus. Jesus‘ Tod und seine Auferstehung machen evangelischen Christinnen und Christen Hoffnung: Das Leben behält das letzte Wort.

Was ist evangelisch? Die Bibel gibt den Weg vor

Die Bibel berichtet aber auch von der Beziehung Gottes zu den Menschen und der Frohen Botschaft, die Gott zu den Menschen gebracht hat. Diese Botschaft ist das Evangelium, auf das wir uns beziehen. Und es bietet in der Schrift Antworten auf die Frage, was evangelisch ist.

Die Frohe Botschaft feiern wir in der Evangelischen Kirche im Rheinland in Gottesdiensten von Saarbrücken bis Emmerich und von Aachen bis Koblenz. Christinnen und Christen kommen dabei zusammen, um Worte der Bibel zu hören und im Gesang und Gebet ihre Worte an Gott zu richten.

Die Gottesdienste und auch die Arbeit der Evangelischen Kirche im Rheinland sind stark von ehrenamtlich Mitarbeitenden geprägt. Wir glauben, dass jeder Mensch mit eigenen Begabungen und Ideen dazu beitragen kann, dass wir friedlich miteinander leben und dass die Grundlagen des Lebens erhalten bleiben. Wo dies im Gegensatz zu aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen steht, bezieht die Evangelische Kirche im Rheinland auch Stellung. Offene Diskussionen gehören bei uns zum Stil. Denn eine Antwort auf die Frage „Was ist evangelisch?“ ist für uns auch, öffentlich und offen zu sagen, was Evangelisch-Sein bedeutet.

Was ist der evangelische Glauben?

Was der evangelische Glauben ist, lässt sich vor allen an Grundsätzen festmachen, die aus der Reformation hervorgegangen sind. Im Zentrum steht dabei der Begriff „evangelisch“ selbst, der angibt, dass sich etwas auf das Evangelium bezieht. Das Evangelium ist für Christinnen und Christen die Frohe Botschaft, die Gott zu den Menschen gebracht hat. In der Bibel sind die vier Evangelien enthalten. Sie berichten vom Leben, Tod und der Auferstehung von Jesus. Die Beziehung von Jesu zu den Menschen ist dabei zentrales Thema.

Insgesamt lassen sich vier reformatorische Lehren zusammenfassen: die vier Soli. Diese beschreiben wir weiter unten ausführlich.

Für was steht evangelisch? Was bedeutet evangelisch?

Kurz gesagt kommt „evangelisch“ vom Evangelium, der Bezeichnung für die Frohe Botschaft. Alles was evangelisch ist, hat einen Bezug zum Evangelium. Das Evangelium bezeichnet sehr verkürzt die Geschichte von Jesus Christus, wie sie sich in der Bibel wiederfindet. Der Begriff „evangelisch“ hat sich in der Reformationszeit entwickelt. Christinnen und Christen im Umkreis von Martin Luther wollten die Kirche erneuern. Weil sich die Erneuerung nicht so umsetzen ließ, wie es sich die Anhängerinnen und Anhänger der Reformatoren erhofften, entstand eine neue Kirche, die im Laufe der Zeit evangelisch genannt wurde. Was Martin Luther am damaligen Zustand der Kirche störte, erklärt ein Artikel des Evangelischen Kirchenkreises an der Agger kurz.

Was ist typisch für die evangelische Kirche?

Typisch für die evangelische Kirche sind vier Lehren der Reformation, die vier „Soli“. Aber es gibt alleine schon regional unterschiedliche Verständnisse davon, was es bedeutet, evangelisch zu sein. Innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt es zum Beispiel 20 Gliedkirchen, von denen die Evangelische Kirche im Rheinland eine ist. Und auch von Gemeinde zu Gemeinde und von Kirchenkreis zu Kirchenkreis innerhalb der rheinischen Kirche gibt es ganz unterschiedliche Auffassungen zum Glauben. Evangelische Christinnen und Christen haben aber vier Grundsätze des Glaubens gemeinsam:

  • Sola fide bedeutet auf Latein: allein durch den Glauben. Konkret bedeutet das, dass der Mensch nur durch den Glauben gerechtfertigt ist und nicht durch gute Werke und seine Leistung.
  • Sola gratia heißt, dass allein durch die Gnade Gottes der Mensch errettet wird. Sein eigenes Tun spielt dabei keine Rolle.
  • Solus Christus steht dafür, dass nur Jesus Christus die Autorität über Gläubige hat. Das bedeutet auch, dass die Kirche eben nicht eine solche Autorität hat.
  • Sola scriptura heißt übersetzt: allein die Schrift. Die Heilige Schrift ist für evangelische Christinnen und Christen die Grundlage ihres Glaubens und nicht die Tradition der Kirche.

Eine übersichtliche Erklärung zum Unterschied von lutherischen, reformierten und unierten Gemeinden, wie es sie innerhalb der Evangelischen Kirche im Rheinland gibt, finden Sie auf der Webseite der Evangelischen Kirchengemeinde am Kottenforst.

Was ist der Unterschied zwischen evangelisch und katholisch?

Die evangelische und katholische Kirche verbindet vieles. An vielen Orten in der Evangelischen Kirche im Rheinland feiern katholische und evangelische Gemeinden gemeinsam Gottesdienste, Feste und Jugendveranstaltungen. Aber die Kirchen trennen auch einige Punkte. Für evangelische Christen gilt zum Beispiel der Grundsatz sola scriptura – also nur die Bibel ist Autorität für den Glauben. Die katholische Kirche sieht neben der Bibel als Heiliger Schrift auch römisch-katholische Traditionen als verbindlich an.

Außerdem gibt es in der evangelischen Kirche keinen Papst, der nach katholischer Lesart in der Nachfolge des Apostels Petrus an der Spitze der Kirche steht. In den Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt es zwar auch Bischöfinnen und Bischöfe, Landessuperintendentinnen und Landessuperintendenten oder Präsides, doch ist die Organisation eine deutlich andere. In der Evangelischen Kirche im Rheinland ist beispielsweise die Landessynode – also eine Art Kirchenparlament – das oberste Leitungsgremium. Zudem haben die rheinischen Gemeinden ein großes Selbstbestimmungsrecht. Hier geht es zu einem Erklärvideo aus der Reihe #kircheerklärt zum Thema Landessynode.

#kircheerklärt – Die Landessynode

#kircheerklärt – Die Landessynode

Einen weiteren Unterschied zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche gibt es zudem in den Sakramenten. Die evangelische Kirche kennt als Sakramente die Taufe und das Abendmahl wie sie auch in der Bibel beschrieben werden. Die römisch-katholische Kirche kennt noch weitere Sakramente, die hier in einer Übersicht aufgeführt sind:

Sakramente in der katholischen Kirche Sakramente in der evangelischen Kirche
Taufe Taufe
Eucharistie Abendmahl
Firmung
Ehe
Buße/Beichte
Weihe (Diakon, Priester oder Bischof)
Krankensalbung

 

Ein zentraler Unterschied zwischen der Evangelischen Kirche im Rheinland und der katholischen Kirche ist auch die Ordination von Frauen. Sie können genauso das Pfarramt bekleiden wie es Männer können. Das gilt auch für alle anderen Ämter und Positionen innerhalb der Kirche und ihrer Einrichtungen. In der Evangelischen Kirche im Rheinland sind zudem gleichgeschlechtliche Ehen möglich. Die sexuelle Orientierung spielt keine Rolle, wenn es um die Arbeit bei der Evangelischen Kirche im Rheinland geht. Ein Video der Reihe #kircheerklärt fasst dies zusammen:

#kircheerklärt: Was ist evangelisch

#kircheerklärt – Was ist evangelisch?

Wann ist man evangelisch?

Teil der Evangelischen Kirche im Rheinland kann man vor allem durch die Taufe werden. Mit der Taufe wird ein Mensch in die weltweite christliche Gemeinschaft aufgenommen. In der Evangelischen Kirche im Rheinland werden Taufen im Gemeindegottesdienst gefeiert, um sichtbar und erfahrbar zu machen: Dieser Mensch ist nun Teil unserer Gemeinde.

Was ist evangelisch? Zum Beispiel getauft sein! Das Foto zeigt eine Familie bei der Taufe. Eine Person hält ein Kleinkind mit weißer Hautfarbe über das Taufbecken. Von Links sieht man die Hand eine Pfarrerin über den Kopf des Kindes fahren und Wasser auf den Kopf träufeln. Im Hintergrund steht ein Mann mit weißer Hautfarbe, lila-weiß kariertem Hemd und Brille und braunene Haaren. Er hält eine Taufkerze in der Hand
Mit der Taufe wird man Mitglied der christlichen Gemeinschaft. Foto: Peter Bongard / fundus-medien.de

Eine zweite Möglichkeit, ist der (Wieder-)Eintritt. Wer beispielsweise aus der Kirche ausgetreten ist, kann in einer der zahlreichen Eintrittsstellen im Gebiet der rheinischen Kirche wieder eintreten. Es ist auch möglich, mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer der Kirchengemeinde vor Ort über den Wiedereintritt zu sprechen. In dem Fall ist eine erneute Taufe nicht nötig, denn die Taufe ist einmalig und unwiderruflich.

Was macht die Evangelische Kirche im Rheinland aus?

Die rheinischen Kirchengemeinden haben ein starkes regionales Selbstbewusstsein. Das ist nicht verwunderlich, erstreckt sich das Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland doch über Teile von vier Bundesländern: Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen und das Saarland. Überall gibt es ganz unterschiedliche Traditionen und Vorstellungen von Antworten auf die Frage: Was ist evangelisch?

Laienbeteiligung und Selbstverwaltung gehören zum Selbstverständnis der Evangelischen Kirche im Rheinland. Das spiegelt sich wieder in der Kirchenordnung, einer Art Verfassung, die die Verantwortung der Presbyterien und Synoden besonders betont. Die Evangelische Kirche im Rheinland ist „presbyterial-synodal“ geordnet. Das heißt, die Leitung liegt auf allen Ebenen bei gewählten Mitgliedern und geschieht grundsätzlich in Gemeinschaft. Der offene Diskurs gehört dabei immer dazu. Alle können sich einbringen – egal ob im Presbyterium, dem Leitungsgremium der Gemeinden, der Kreissynode als Leitungsgremium des Kirchenkreises oder in der Landessynode, dem Leitungsgremium der Landeskirche.

Die folgende Karte zeigt die Kirchenkreise der Evangelischen Kirche im Rheinland:

An der Agger An Sieg und Rhein Bad Godesberg- Voreifel Bonn Wesel Gladbach- Neuss -R ec h ts r heinisch Solingen L e v e rk usen L ennep Niederberg D üsseldo r f- M ettmann M oers Jülich Köln- -Süd Kleve -Nord M it t e A n Nahe und Glan Obere Nahe A n der Ruhr A l t en k i r chen Wied Koblenz Aachen Trier Simmern- Trarbach an Lahn und Dill Dinslaken D uisbu r g Krefeld-Viersen Wuppertal D üssel- do r f Essen Obe r hausen Saar-Ost Saar-West

Das Prinzip des regionalen Selbstbewusstseins hat sich in der Geschichte mehrfach gezeigt. Im Kirchenkampf gegen den Nationalsozialismus konnten viele evangelische Gemeinden im Rheinland ihre Eigenständigkeit als Gemeinden der Bekennenden Kirche bewahren. Nicht zufällig war die evangelische Kirche in Barmen-Gemarke 1934 der Tagungsort der ersten allgemeinen deutschen Bekenntnissynode, auf der die richtungsweisende „Theologische Erklärung von Barmen“ beschlossen wurde. Bis heute sehen wir unseren Auftrag darin, die Botschaft von Gottes Gnade „allem Volk“ weiterzusagen, wie es 1934 in der Barmer Erklärung formuliert wurde.

Was ist evangelisch? Für die Evangelische Kirche im Rheinland zum Beispiel das Bekenntnis zur Barmer Theologischen Erklärung. Eine Skulptur mit quadratischer Grundfläche zeigt eine abstrakte Gruppe von Menschen. Der Teil, der den Betrachter anzuschauen scheint, wirkt verängstigt. Zwei der Figuren scheinen Eltern zu sein, die ihr Kind beschützen wollen. Der hintere Teil der Gruppe steht mit dem Rücken zum Rest der Gruppe und zeigt den Hitlergruß. Im Hintergrund des Fotos sind Menschen zu sehen, die die Skulptur betrachten.
In der Nähe der Gemarker Kirche in Wuppertal, in der die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet wurde, erinnert eine Skulptur an die Erklärung. Foto: Hans Lachmann

Das bedeutet auch, die kirchliche Position in den gesellschaftlichen und politischen Dialog einzubringen. Die Vielfalt der Traditionen ist dabei unsere Stärke. Lutherische, reformierte und unierte Gemeinden, ländliche Regionen und städtische Ballungsräume sind alle in der Landeskirche repräsentiert.

Weitere Informationen zur Evangelischen Kirche im Rheinland finden Sie unter dem Punkt „Gemeinschaft“ auf unserer Webseite www.ekir.de.

Hier geht es zur englischen Version dieses Artikels: Read the English version of this article here.
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  • Aaron Clamann