Langjährige Freundschaften über die Flut hinaus

In der Folge der Flutkatastrophe im Sommer sind Verbindungen zwischen der rheinischen Kirche und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens entstanden, die ihrerseits 2002 und 2013 vom Hochwasser an der Elbe und ihren Nebenflüssen betroffen war. Christian Behr (60), damals Pfarrer in Grimma (Landkreis Leipzig) und heute Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Mitte , blickt in einem Gastbeitrag für ekir.de auf seine Fluterfahrungen zurück – und auf das Positive, das sich kurz- und langfristig nach dem Hochwasser von 2002 entwickelt hat. 

Seit 2012 ist Christian Behr Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Mitte der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

Im Frühjahr 1994 zog ich mit meiner Frau und unseren drei Töchtern in das Pfarrhaus in Grimma ein. Eine Besonderheit des Pfarrgrundstückes war, dass es ein wunderschönes Gartenhaus auf der Stadtmauer fast über dem Fluss Mulde besaß und einen eigenen Durchgang durch die Stadtmauer auf die Mulde-Wiese. Die Vorderseite des Hauses befand sich aber schon direkt an der Straße mitten in der Stadt. So konnte das Gelände am Fluss auch gerne von der Gemeinde für wunderschöne Gemeindefeste zum Beispiel am Johannistag genutzt werden.

Jährliche Hochwasser waren in den Straßenzügen normal. Manchmal stand das Wasser im eigenen Keller bis zu zwei Metern hoch. So entsetzte es uns erst einmal gar nicht, dass das Hochwasser am 12. August 2002 doch etwas mehr stieg. Kontakt an den Oberlauf der beiden Mulde-Flüsse war nicht gegeben. In der Nacht zum 13. August brach das Wasser aber dann mit ungekannter Wucht von allen Seiten in die Altstadt ein. Selbst die Frauenkirche, die noch nie Hochwasser erleben musste, stand mitten in den Fluten. Außen wies noch ein Großplakat auf die einladende Seite der Kirche hin: „Wie gewinnt man eigentlich Freunde?“, war dort zu lesen.  Unter dem Plakat dockten nun Schlauchboote der Freiwilligen Feierwehr an der Kirchentür an, um die dort Eingeschlossenen in Sicherheit zu bringen.

In der Frauenkirche im sächsischen Grimma finden während des Hochwassers im August 2002 insgesamt 53 Menschen für neun Stunden Zuflucht und werden nach und nach mit Schlauchbooten in Sicherheit gebracht.

Das Motto des Plakats wurde in den kommenden Tagen und Wochen für viele zur Wirklichkeit. Auf der einen Seite verlor man einige Freunde durch scheinbare Ungerechtigkeiten in der Spendenverteilung. Auf der anderen Seite gewann man neue Freunde in der betroffenen Nachbarschaft und durch die überwältigende Schar der Helfer.

Frauenkirche in Grimma als Helferzentrum

Die Frauenkirche, die relativ schnell durch eine große Reinigungsaktion wieder nutzbar geworden war (die größeren Flutschäden wurden später beseitigt), wurde binnen weniger Tage zum „Helferzentrum Frauenkirche“. Sachspenden wurden verteilt, der Einsatz von Hunderten Helferinnen und Helfern wurde koordiniert. Durch schnell gelegten Internet- und Telefonanschluss konnte ein Seelsorgezentrum etabliert werden. Dies baute unabhängig von unserer Kirchgemeinde der damalige Leipziger Studentenpfarrer mit einem Netzwerk von Kollegen und Kolleginnen auf. Über mehrere Monate wurden alle betroffenen Haushalte besucht. Über öffentlich bekannt gegebene Telefonnummern konnten immer Seelsorgerinnen erreicht werden, die aus der ganzen Landeskirche jeweils für einige Tage nach Grimma kamen.

So entwickelte sich das Helferzentrum Frauenkirche neben dem kommunalen Helferzentrum, welches sich auf dem etwa 500 Meter entfernten Marktplatz befand, zu einem Anlaufpunkt für viele Betroffene und Helferinnen.

Ein arbeitsloser Koch kochte in einem Nebeneingang über Wochen täglich zig Mahlzeiten, die er aus den vielen Sachspenden zusammenstellte. Daneben stand das Auto des „Hilti-Mannes“, der über Wochen unentgeltlich die dringend benötigten Bohrhämmer zur Verfügung stellte und gleich vor Ort reparierte. Betroffene kamen in die Kirche, die fast jahrzehntelang täglich an ihr vorbeigegangen waren und sich nie in die Kirche hineingetraut hatten. Ihnen wurde geholfen – und sie fanden einen Punkt der Ruhe in all dem Trubel ringsum. Dazu lud eine kleine Pyramide aus Pflastersteinen ein, die mitten in der Kirche aus dem aufgerissenen Straßenpflaster der Umgebung aufgetürmt wurde und auf der immer Kerzen brannten.

Intensive Zusammenarbeit von Kirchgemeinde und Stadt

Handys waren im Jahr 2002 noch nicht so verbreitet wie heute. Ich hatte mir zwei Jahre zuvor, besonders für die Rentnerfreizeiten, die ich neben den Konfirmanden- und Familienfreizeiten gerne durchführte, schon ein Handy angeschafft. Die Nummer wurde fast deutschlandweit bekannt, sodass ich viele Anrufe mit dem Angebot vor allem von finanzieller Hilfe bekam. Die Nummer für das Spendenkonto konnte ich bald auswendig.

So konnten wir mit unserem Spendenfonds in einer gemeinsamen Aktion mit der Stadtverwaltung die betroffenen Haushalte finanziell unterstützen. Die Kirchgemeinde übernahm die Unterstützung der Haushalte und die Stadtverwaltung die Unterstützung der betroffenen Gebäude. So entstand in dieser Zeit eine intensive Zusammenarbeit, die Jahre zuvor, zumal in Ostdeutschland, fast undenkbar gewesen ist.

Dankbarkeit für die vielen Formen der Unterstützung

Neben oder fast vor der Dankbarkeit für die finanzielle Unterstützung stand die Dankbarkeit für die vielen, vielen selbstlosen Helferinnen und Helfer. Auch wenn diese Hilfe manchmal schwierig zu koordinieren war, aktivierte sie ein Maß an menschlicher Zuwendung, ja an Nächstenliebe, die für die Betroffenen von unschätzbarem Wert war. Daraus entwickelten sich auch langjährige Freundschaften über das Flutgeschehen hinaus.

Schon ein reichliches Jahr später erreichte uns die Meldung von einem Hochwasser an der Rhône in Südfrankreich. Sofort wurde in Grimma ein Lkw mit hoffentlich nützlichen Spenden zusammengestellt (darin kannten wir uns ja aus) und fuhr gemeinsam mit einer kleinen Gruppe an Helfern dorthin. Wir wollten etwas von der erfahrenen Hilfe zurück- bzw. weitergeben.

Menschen aus Grimma packen in westlichen Flutgebieten mit an

Im Sommer des Jahres 2021 haben wir nun, eher aus der Ferne her, erfahren müssen, dass Hochwasser noch zerstörerischer werden können als damals an Mulde und Elbe. Im Gespräch mit dem Grimmaer Oberbürgermeister, der im Gegensatz zu mir noch immer dort amtiert, haben wir uns gemeinsam bedrückt klargemacht, dass die Anzahl der zu beklagenden Menschenleben unsere damalige Not um ein Vielfaches überstieg. Wieder machten sich Menschen aus Grimma auf, um an der Ahr oder an anderen betroffenen Orten zu helfen. In Dresden wurde eine eigenes Spendenkonto eingerichtet, um einer Kommune dann direkt helfen zu können.

Und jetzt kamen Herrnhuter Adventssterne ins Ahrtal, um „Licht aus dem Osten“ zu bringen. Hoffnung in eine dunkle Zeit, in Dunkelheiten, die hoffentlich in den kommenden Monaten und Jahren wieder überwunden werden können. Wunden oder Narben werden bleiben, wie ich selbst als Betroffener immer wieder bemerke. Aber die Hoffnung, die aus der frohen und befreienden Weihnachtsbotschaft erwächst, wird hoffentlich, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise, die Menschenherzen auch in diesem Jahr und auch in den vom Hochwasser betroffenen Regionen anrühren können.

  • 22.12.2021
  • Christian Behr
  • Gerhard Weber, PR Ev.-Luth. Kirche Dresden , Kristin Loidl-Fischer