Ein Jahr danach: Die Flutnacht und ihre Folgen

Mehr als 180 Menschen sind durch die Flutkatastrophe vom 14. auf den 15. Juli 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ums Leben gekommen. Mehr als 800 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Ganze Orte wurden zerstört. Der Wiederaufbau erfordert einen langen Atem. Betroffene kämpfen mit den Folgen der Flut – auch psychisch.

Rund 17.000 Menschen verloren im Ahrtal ihr ganzes Hab und Gut. Das hinterlässt Spuren, wie der rheinland-pfälzische Opferbeauftragte Detlef Placzek in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) berichtet. Bei jedem stärkeren Regen schnellten die Anrufzahlen bei der Krisen-Hotline nach oben. Immer noch meldeten sich Flutopfer, die therapeutische Hilfe benötigten. Zudem gebe es noch immer Bewohnerinnen und Bewohner des Ahrtals, die bislang keine Hilfsgelder beantragt hätten.

Handwerkermangel erschwert Wiederaufbau

Zweimal im Monat fährt Placzek in die Unglücksregion und macht sich ein Bild von der Situation. Das langsame Tempo beim Wiederaufbau der zerstörten Ortschaften bedauert er. An vielen überfluteten Häusern habe sich bis dato nichts getan, noch immer gebe es keine Möglichkeit, am gesamten Flusslauf der Ahr entlangzufahren. „Eigentlich würde ich mir wünschen wollen, dass es schneller geht.“ Ursache für die Situation sei aber weniger das fehlende Geld, sondern die enorme Anzahl der Fälle und die Schwierigkeit, Handwerker zu finden.

Das Wasser stand in der Martin-Luther-Kirche in Bad Neuenahr bis zur Platte des Altars. (Foto: Andrea Stenzel)

Menschen klagen über fehlende Therapieplätze

Im Gegensatz zu den Beauftragten anderer Bundesländer umfasst Placzeks Auftrag nicht nur die Begleitung der Opfer von Terroranschlägen oder Amokläufen, sondern auch von Naturkatastrophen wie der im Ahrtal. Von den Bewohnern der Region habe er in den zurückliegenden Monaten eine Vielzahl von Anfragen erhalten. Darin gehe es um die langsame Auszahlung der Hilfsgelder, fehlende Therapieplätze, aber auch um Alltagssorgen wie verlegte Bushaltestellen. Viele einstige Anwohner, die wieder ins Tal zurückziehen möchten, fänden keine bezahlbare Wohnung mehr.

„Das Ahrtal wird es so wohl nicht mehr geben“

Bei seiner Arbeit nehme er die gespaltene Haltung der Bewohnerinnen und Bewohner zum Wiederaufbau und zur Zukunft der Region wahr. „Das Ahrtal, wie es einmal war, wird es so wohl nicht mehr geben“, sagt Placzek. In seiner Rolle als Landesbeauftragter habe er beispielsweise Gespräche mit Anwohnern geführt, deren zerstörte Häuser nicht wiederaufgebaut werden können. Aktuell werde vor Ort auch eine intensive Debatte um den Wiederaufbau zerstörter Brücken geführt. Eine Wiederherstellung nach den oft idyllischen historischen Vorbildern werde von Fachleuten kritisch gesehen, weil es zu verhindern gelte, dass sich an den Pfeilern jemals wieder große Mengen Treibgut aufstauen.

Durch die Wassergewalten der Urft wurde die Gemünder Kirche stark beschädigt. (Foto: Oliver Joswig)

Unterstützung noch viele Jahre nötig

Der rheinland-pfälzische Opferbeauftragte geht davon aus, dass Überlebende der Flut mit traumatischen Erlebnissen noch viele Jahre lang Unterstützung benötigen werden. Auch bei anderen Katastrophen sei dies nicht anders. So gebe es noch immer Nachsorge-Treffen mit den Überlebenden der Flugschau-Katastrophe in Ramstein von 1988. „Man kann damit rechnen, dass man auch den Menschen im Ahrtal so lange zur Seite stehen muss“, sagt der Präsident des Landesamts für Soziales, Jugend und Versorgung (LSJV) Rheinland-Pfalz.

Auch Helferinnen und Helfer benötigen Seelsorge

Doch nicht nur die Betroffenen, sondern auch Helferinnen und Helfer brauchen zunehmend Hilfe. Das schildert der evangelische Pfarrer und Seelsorger Bernd Bazin. Vor allem Menschen, die im Verlauf des Jahres als Intensivhelfer tätig waren, benötigten nun vermehrt Unterstützung, erzählt der Leiter der Hochwasserseelsorge der Diakonie Katastrophenhilfe an der Ahr in einem Gespräch mit dem epd. Viele Betroffene hätten anderen geholfen und seien dadurch doppelt belastet worden, so Bazin. Zugleich träten ein Jahr nach der Katastrophe verstärkt diejenigen Helfer in den Fokus der Seelsorgenden, die von auswärts an die Ahr gekommen seien. „Derzeit erleben wir eine Reihe von Helfer-Abschieden, die teilweise sehr dramatisch sind“, berichtet der Seelsorger.

Auch die Bildungseinrichtung des Kirchenkreises Bad Godesberg wurde durch die Flut heftig in Mitleidenschaft gezogen. (Foto: Rainer Steinbrecher)

„Das löst teilweise eine Krise aus“

Viele auswärtige Dauer-Helferinnen und -Helfer seien in Branchen wie dem Messebau oder dem Eventmanagement tätig gewesen, die während der Pandemie brachlagen, erklärt Bazin. Diese Menschen hätten in dem Jahr nach der Flut hohe Kompetenzen beim Aufbau provisorischer Lösungen bewiesen und an der Ahr viel geleistet. Einige von ihnen hätten in ihrer Rolle eine tiefe Sinnerfahrung gemacht und dies als Lebensmodell für sich entdeckt, sagt der Seelsorger. „Jetzt aber kippt die Situation.“ Vielerorts seien nun die Handwerker gefragt und die Helfer verlören nach und nach ihre Rolle. „Das löst dann bei diesen Menschen teilweise eine Krise aus.“

Seelsorgeteams stehen Menschen weiterhin bei

Unterstützung erhalten die Betroffenen sowie die Helferinnen und Helfer unter anderem von der Evangelischen Seelsorge und Beratung in Nordrhein-Westfalen und im Ahrtal. Sie sind seit der Flutnacht als Kooperationsprojekt der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Diakonie Katastrophenhilfe und der Diakonie RWL in den betroffenen Gebieten zur psychosozialen Unterstützung der Menschen vor Ort im Einsatz. In Nordrhein-Westfalen unterstützen die Seelsorgerinnen und Seelsorger Menschen im Bereich Stolberg und Eschweiler, in Euskirchen, im Schleidener Tal und in Bad Münstereifel sowie in Swisttal, Rheinbach und Meckenheim. Sie arbeiten eng mit den Teams der Hochwasserhilfe der Diakonischen Werke Jülich , Euskirchen sowie Bonn und Region zusammen. In Rheinland-Pfalz wiederum kooperieren die Seelsorgenden und Beratenden besonders mit den Evangelischen Kirchengemeinden in Adenau , Bad Neuenahr-Ahrweiler und Remagen-Sinzig , aber auch mit weiteren Partnern wie etwa der AHRche , dem Helfer-Shuttle sowie den Trägern der Freien Wohlfahrtspflege.

Mehrere ökumenische Teams der Notfallseelsorge sind für die Menschen im Ahrtal im Einsatz. (Foto: Bernd Bazin)

„Gemeinsam durch die Nacht“ an verschiedenen Orten

Im Zuge des Flutgedenkens am 14. und 15. Juli setzte das Team der Diakonie Katastrophenhilfe RWL um Pfarrer Bernd Bazin (Bad Neuenahr), Psychologin Sabine Elsemann, Pfarrer Stefan Bergner (Sinzig), Sozialpädagogin und Notfallseelsorgerin Tamara L. Orschler und Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel mit Veranstaltungen und Beratungsangeboten vor Ort ein Zeichen, dass es nach wie vor für die Menschen da ist. Dazu zählte auch die Aktion „Gemeinsam durch die Nacht“ am 14. Juli von 19 bis 24 Uhr in Kooperation mit der Pfarreiengemeinschaft Altenahr. Dezentral gab es Möglichkeiten zum Gespräch sowie zum Kerzenanzünden. An allen Orten war jemand aus dem ökumenischen Team ansprechbar.

  • 12.7.2022
  • epd, Andreas Attinger
  • Red