Kita im Zeichen der Fairness

Fair zueinander, fair zur Umwelt, fair zu Menschen in anderen Ländern: Die Evangelische Kindertagesstätte am Burgacker in Duisburg hat diese Werte in ihrem Alltag verankert. Sie ist eine von fast 300 Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen (NRW), die das Siegel „Faire Kita“ tragen. Aus Überzeugung, sagt Leiterin Claudia Wiese-Kreie. Wir haben uns vor Ort für die Titelgeschichte der neuen Ausgabe des Evangelischen Elternmagazins Zehn14 umgeschaut.

Zehn14 ist ein Elternmagazin, das von evangelischen Kitas abonniert werden kann.

Greta klopft mit ihren Händen vorsichtig die Erde fest und ruft: „Das werden mal Pommes!“ Gerade hat sie alte, keimende Kartoffeln in die Erde gelegt. „Jetzt sind sie noch schrumpelig, aber bald kommt eine grüne Pflanze aus dem Boden und unter der Erde wachsen neue Kartoffeln“, erklärt die Fünfjährige überzeugt. Und dann schlägt sie tatendurstig die Hände zusammen und schnappt sich die nächsten Exemplare aus dem Korb. In der Evangelischen Kindertagesstätte am Burgacker in Duisburg ist heute Pflanztag. In den großen Töpfen soll in den nächsten Monaten Gemüse wachsen – unter den aufmerksamen Augen der Kinder. „Wir haben viele dieser kleinen Aktionen im Kindergartenalltag untergebracht“, erzählt Kita-Leiterin Claudia Wiese-Kreie, „es sind kleine Schritte für einen bewussteren Umgang miteinander und mit der Natur und unseren Ressourcen.“

Seit 2018 „Faire Kita“

Seit 2018 trägt die evangelische Kindertagesstätte mitten in der Stadt Duisburg das Siegel „Faire Kita“. Es sei dem Team wichtig gewesen, mit den Kindern über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, sagt die Einrichtungsleiterin. Die Ziele und Ideen des Vereins „Faire Kita“ kamen den Erzieherinnen dabei gerade recht. Ressourcenschonung, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit: Das seien Themen, die im Kindergartenalltag gut aufgehoben seien, befindet Claudia Wiese-Kreie. „Die Kinder bringen von sich aus eine große Portion Neugier mit.“ Dazu komme, dass Kinder auch einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hätten. Die besten Voraussetzungen also, um als „Faire Kita“ im Einsatz zu sein.

In der Kita werden unter anderem Kartoffeln gepflanzt.

Fair zueinander, fair zur Umwelt, fair zu Menschen  

In den Bundesländern haben inzwischen Vereine die Ausschreibung der Zertifizierung übernommen. Ihr Motto: Fair zueinander, fair zur Umwelt, fair zu Menschen. „In der Umsetzung geht es darum, den Forschergeist der Kinder anzusprechen“, wissen die Fachleute des Projekts, das in NRW Claudia Pempelforth leitet. Das Interesse von Kindern an den Dingen, die sie umgeben, sei ohnehin groß. Die Kampagne „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ diene dazu, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nachhaltiges Denken und Handeln zu vermitteln. So könne verdeutlicht werden, dass das eigene Handeln Konsequenzen für einen selbst, das Umfeld und auch für andere in der Zukunft habe. Schon Kindern könne die Möglichkeit gegeben werden, globale Zusammenhänge, Herausforderungen und komplexe Ursachen von Problemen zu verstehen. „Dann können wir auch Gestaltungskompetenzen wie vorausschauendes Denken, interdisziplinäres Wissen, autonomes Handeln und Partizipation an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen vermitteln“, heißt es bei der Initiative. Kurz: Kinder entdecken ihre Selbstwirksamkeit.

„Faire Kita“ als Teil der Initiative „ökofairEKiRche“

Auch die Evangelische Kirche im Rheinland hat sich das Thema Nachhaltigkeit und fairen Handel längst auf die Fahnen geschrieben. Das Kita-Zertifikat gehört zu einem der Bausteine der Initiative „ökofairEKiRche“. Das Nachhaltigkeitsmanagement im Landeskirchenamt in Düsseldorf, der Rheinische Dienst für Internationale Ökumene und die Evangelische Landjugendakademie Altenkirchen ermutigen Kirchengemeinden, Kirchenkreise und kirchliche Einrichtungen, ökologische, faire und nachhaltige Aspekte mit kreativen Ideen in ihre Arbeit zu integrieren.

Der Klebstoff trägt ein Siegel, das über fairen Handel informiert.

Mit fairem Tee und Kaffee hat alles begonnen

Die evangelische Kita am Burgacker nahm diesen Faden gerne auf. „Wir sind der Überzeugung, dass es wichtig ist, schon die Kinder für diese Themen zu sensibilisieren“, sagt Claudia Wiese-Kreie. Sie denkt dabei an die Verantwortung für die Schöpfung, aber auch an einen Lebensstil, der nicht auf Kosten anderer geführt werde. Bei der Umsetzung im Kindergarten war dann Kreativität gefragt. Große Themen wollten für die Kleinsten begreifbar gemacht werden. Also lud das Kita-Team Anfang 2018 die Eltern ein, sich zu beteiligen. Damals entstand das „Faire Team“, zu dem Mitarbeitende genauso gehören wie Eltern. Gemeinsam entwarfen sie Ideen für den Kindergartenalltag. „Wir begannen mit einfachen Dingen: Wir stellten auf fairen Kaffee und fairen Tee um“, erzählt die Kita-Leiterin. Bei der Anschaffung des neuen Sitzteppichs für die Bücherei setzte die Einrichtung auf fairen Handel. Der Klebstoff, mit dem die Bastelklebeflaschen aufgefüllt werden, trägt ein Siegel, das über fairen Handel informiert. Die Einrichtung stellte ihr Catering um – und setzt seitdem auf saisonale und vor allem auf regionale Produkte. Gelegentlich arbeitet die Einrichtung mit Kooperationspartnern zusammen – wie etwa dem Unverpacktladen oder den Wirtschaftsbetrieben in Duisburg, die ein Materialpaket zum Papierschöpfen anbieten.

Spur zur Schokolade führt nach Afrika

„Überall im Kindergarten sind kleine Spuren unseres Bemühens zu erkennen, Nachhaltigkeit und fairen Handel zu leben“, sagt Claudia Wiese-Kreie. Die Kinder sollen diese Spuren zu deuten wissen. Deswegen habe das Team sie von Anfang an auf diesen Weg mitgenommen. Projekttage, Sommerfeste und Bastelaktionen stehen seitdem immer mal wieder im Zeichen der Fairness: Gemeinsam machten sich Kinder und Erzieherinnen auf die Spur der Schokolade. „Und dabei sind wir gedanklich in Afrika gelandet“, erzählt Erzieherin Irina Erdmann. Für die Kinder sei das ein spannender Ausflug in eine andere Kultur gewesen. „Uns war es wichtig, nicht mit Klischees zu arbeiten“, ergänzt Claudia Wiese-Kreie. Statt eines Trommelworkshops setzte die Kita also auf die Entdeckerlust der Kinder: Sie erfuhren viel über das Leben von Jungen und Mädchen in Afrika, bastelten mit Alltagsmaterialien und kamen über Kinderrechte ins Gespräch.

Verschwendung geht den Kindern gegen den Strich – auch beim Gießen.

„Beim Gießen darf man kein Wasser verschwenden“

Noch leichter lässt sich das Thema Umwelt und Naturschutz in den Kindergartenalltag integrieren. „Wir passen auf unsere Insekten auf, damit sie nicht gefressen werden“, erklärt Milla (6) fröhlich den Gästen und führt sie zum Insektenhotel. „Hier können die Tiere wohnen, wenn sie mal keine Wohnung haben und sie haben auch was zum Essen“, erklärt sie und ihre kleine Hand deutet auf das Hochbeet, das die Kinder mit Unterstützung der Erzieherinnen im Garten gebaut haben. „Aber Achtung“, fügt Freundin Greta ganz ernst hinzu, „beim Gießen darf man kein Wasser verschwenden.“

Wechsel-Kleiderständer im Eingangsbereich

Verschwendung geht vielen der Kindergartenkinder in Duisburg ohnehin inzwischen gegen den Strich. Sie sind sensibel geworden, wenn es darum geht, alte Dinge wegzuwerfen. „Wir haben die Entdeckung gemacht, dass wir auch hier im Kindergarten ganz leicht Ressourcen schonen können“, fasst Claudia Wiese- Kreie zusammen. Zu Weihnachten hat eine Kollegin aus alten, natürlich frisch gewaschenen Handtüchern Sorgenfresser für die Kinder genäht. Den tiefen Riss im großen Sitzsack hat eine findige Mutter mit der heimischen Nähmaschine repariert und regelmäßig kommt ein Hausmeisterservice, um defekte Stühlchen oder kleinere Schäden zu reparieren. „Wir überlegen mindestens zweimal, ob wir etwas wegwerfen“, erklärt die Kitaleiterin. Und das gilt auch für die Kleidung der Kinder. Neben den Kleiderbörsen setzt die Einrichtung dabei auf einen schmucken Kleiderständer im Eingangsbereich. „Da hängt meine alte Jacke“, erklärt Greta und zeigt auf die Kleiderstange. Als ihr die nicht mehr gepasst habe, sei sie an dem Wechsel-Kleiderständer gelandet. Wer mag, kann hier gebrauchte und gut erhaltene Kleider beim Abholen der Kinder aufhängen – und sich gleichzeitig ein Kleidungsstück mitnehmen.

Aussortierte Kleider können an einem Ständer aufgehängt werden, an dem sich andere bedienen können.

Malheurchen-Tasche ersetzt Plastiktüten

Auch die Malheurchen-Tasche ist im Bemühen um mehr Nachhaltigkeit entstanden: Sie hat die Plastiktüten abgelöst, in denen die Erzieherinnen den Eltern früher die Wäsche der Kinder mit nach Hause gaben, wenn der Weg zur Toilette zu lang für die kurzen Beine geworden war. „Der Stoff ist beschichtet und die Tasche kann direkt mit der Wäsche in die Waschmaschine gegeben werden“, erzählt Claudia Wiese-Kreie. In die grünen Taschen wurde das Logo der Einrichtung eingestickt. Eines steht fest: Der Einsatz für Nachhaltigkeit und fairen Handel hat die Erzieherinnen, Eltern und Kinder in der Kita am Burgacker kreativ werden lassen – und schon einiges bewirkt.

Info: Ausgabe #16 des Elternmagazins Zehn14

Die 16. Ausgabe des Evangelischen Elternmagazins Zehn14 ist erschienen. Das Magazin bietet Wissens- und Lesenswertes zu Erziehungsfragen und Glaubensthemen. Die Autorinnen und Autoren haben unter anderem mit einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychatrie über die Folgen der Corona-Pandemie gesprochen, berichten von der zweisprachigen Erziehung ihrer Kinder und haben Eltern zu religiösen Ritualen im Alltag befragt. Das neue Onlineportal „ZEBRA“ ist ebenfalls ein Thema. Es hilft Eltern, sich in der digitalen Welt zurechtzufinden. Zehn14 ist ein Gemeinschaftsprojekt des Evangelischen Presseverbands für Westfalen und Lippe e.V. und der Evangelischen Kirche im Rheinland. Es erscheint zweimal im Jahr und kann von Kitas und Kita-Trägern zur Weitergabe an Eltern abonniert werden. Infos zum Magazin sowie zur Bestellung gibt es unter www.zehn14.de . Auch Einzelheft zur Ansicht können dort bezogen werden.

 

  • 18.5.2021
  • Theresa Demski
  • Markus Feger