Häufig gestellte Fragen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche im Rheinland

1. Was unternimmt die Evangelische Kirche im Rheinland zur Prävention vor sexualisierter Gewalt?

2. Wohin können sich Betroffene wenden?

Als eine Art Lotsenführer zu diversen Hilfsangeboten stehen Betroffenen in vielen Kirchenkreisen inzwischen Vertrauenspersonen als Ansprechpartnerinnen und -partner zur Verfügung, ebenso die von Kirche oder Diakonie getragenen Beratungsstellen, ob in Nordrhein-Westfalen, in Rheinland-Pfalz, im Saarland oder in Hessen. Aber auch die Ansprechstelle für den Umgang mit Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung bietet Betroffenen, deren Angehörigen und anderen Ratsuchenden vertrauliche Beratung an. Ansprechpartnerin Claudia Paul ist unter Telefon 0211 4562-391 erreichbar. Wenn es um individuelle Anerkennungsleistungen geht, erhalten Betroffene Beratung bei der Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung (FUVSS) der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL).

3. Wird das Thema sexualisierte Gewalt zentral koordiniert?

Seit dem Frühjahr 2021 ist im Landeskirchenamt die zentrale Meldestelle für begründete Verdachtsfälle sexualisierter Gewalt eingerichtet. Sie ist unter Telefon 0211 4562-602 und per Mail an meldestelle@ekir.de erreichbar. Für die Gesamtkoordination aller Aktivitäten kam im Jahr 2022 die Stabsstelle Aufarbeitung und Prävention hinzu. Sie wird seit Juli 2024 von Katja Gillhausen geleitet. Melde- und Stabsstelle sind unmittelbar dem Zuständigkeitsbereich von Vizepräses Christoph Pistorius zugeordnet. Die Stabsstelle wurde inzwischen personell verstärkt und ihre Organisationsstruktur an die wachsenden Herausforderungen angepasst. Eine volle Stelle für einen Interventionsmanager/eine Interventionsmanagerin und eine halbe Stelle zur Unterstützung der Aufarbeitung sind ausgeschrieben.  Auch die Ansprechstelle für Betroffene ist mittlerweile in die Stabsstelle integriert.

4. Wie weit ist die rheinische Kirche mit der Aufarbeitung der Vergangenheit?

  • Mit allen EKD-Gliedkirchen hat sich die Evangelische Kirche im Rheinland am Forschungsverbund ForuM beteiligt: Die Studie mit sechs Teilprojekten zu unterschiedlichen Aspekten hat ihre Ergebnisse am 25. Januar 2024 öffentlich vorgestellt und einen Abschlussbericht und eine Zusammenfassung vorgelegt. Im zweiten Projektschritt des Teilprojekts E waren in der rheinischen Kirche zuletzt bis Ende März 2023 nicht nur die insgesamt ca. 150 vorliegenden Disziplinarakten zu allen Berufsgruppen, sondern auch alle auf landeskirchlicher Ebene vorliegenden Akten von Pfarrpersonen ab dem Jahr 1946 bis einschließlich 2021 durchgesehen worden. Insgesamt waren dies Personalakten von 4733 Pfarrpersonen. Die Verdachtsfälle wurden den Forschenden nach abschließender Qualitätssicherung durch einen pensionierten Strafrichter  innerhalb des gewünschten Zeitfensters über ausgefüllte Fragebögen zu Beschuldigten und Betroffenen zugeschickt. Die Personalakten der Mitarbeitenden der Verbände, Kirchenkreise und Kirchengemeinden liegen dem Landeskirchenamt nicht vor.
  • Die 20 Landeskirchen, der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Bundesvorstand der Diakonie Deutschland haben in einer gemeinsamen Erklärung auf die Studie reagiert. Für die EKD-Synode im November 2024 wird im Beteiligungsforum ein umfangreicher Maßnahmenkatalog erarbeitet. In diesem Zusammenhang werden auch die Anerkennungsverfahren und Anerkennungsleistungen neu definiert. Inzwischen liegt zudem der Entwurf eines Gesetzes zu Schutz und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt vor. „Die EKD und die Diakonie Deutschland begrüßen und unterstützen mit Nachdruck, dass mit dem vorliegenden Gesetzesvorhaben die staatlichen Strukturen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt und zu deren Aufarbeitung deutlich gestärkt werden“, heißt es in der gemeinsamen Stellungnahme von EKD und Diakonie. In dieser Stellungnahme werden wichtige Anregungen gegeben. Dabei geht es u. a. darum, dass es eine Weitung über sexualisierte Gewalt gegen Kinder hinaus geben sollte. Außerdem regen Kirche und Diakonie eine Präzisierung beim Recht auf Akteneinsicht und eine weitergehende Stärkung der Ausstattung der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) an.
  • Auf lokaler Ebene wird bereits fallbezogene Aufarbeitung mit wissenschaftlicher Unterstützung und unter Einbindung Betroffener betrieben. Die lokalen Ergebnisse fließen in die spätere regionale Aufarbeitung ein. Studienergebnisse der Bergischen Universität Wuppertal und der Fachhochschule Potsdam zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im damaligen Schülerheim Martinstift in Moers in den 1950er Jahren wurden Ende März 2023 vorgestellt.
  • Auch zu einem Kölner Fall ist inzwischen der Vertrag für eine Studie unterzeichnet worden. Gemeinde und Kirchenkreis arbeiten diesen Fall bereits seit längerer Zeit auf und werden dabei zukünftig durch Wissenschaftler*innen unterstützt. Weitere Vorüberlegungen zu fallbezogenen Untersuchungen bestehen in Duisburg und im Kirchenkreis Altenkirchen sowie in einem Verbund mehrerer Kirchenkreise, in denen ein Beschuldigter beschäftigt war.
  • Außerdem will die Evangelische Kirche im Rheinland zusammen mit den Landeskirchen von Bayern, Hannover und Hessen-Nassau sowie der EKD die Frage wissenschaftlich klären lassen, ob die Diskussion um eine liberalere Sexualerziehung in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auch dazu geführt hat, dass sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen innerhalb der evangelischen Kirche strukturell begünstigt wurde. So wichtig die sexualpädagogischen Impulse dieser Zeit auch für die Entwicklung einer selbstbestimmten Sexualität waren, so sehr häufen sich aber zugleich Beispiele dafür, wie diese Impulse instrumentalisiert wurden, um sexualisierte Gewalt von Erwachsenen gegenüber Minderjährigen zu kaschieren und zu legitimieren. In der evangelischen Kirche zeitweise hoch angesehene Pädagogen wie Gerold Becker oder Helmut Kentler stehen mittlerweile für diese Form der Instrumentalisierung. Eine Vorstudie ist inzwischen abgeschlossen. Über die Hauptstudie wird auf EKD-Ebene entschieden. Die rheinische Kirche bereitet in diesem Kontext bereits eine wissenschaftliche Fall-Untersuchung vor, die aus landeskirchlicher Perspektive besonders relevant ist. Dabei wird es auch darum gehen, dass Zeitzeugen und Betroffene zu Wort kommen.

5. Wo steht die regionale Aufarbeitung seit der Veröffentlichung der ForuM-Studie?

  • Im Rahmen einer 3. Gemeinsamen Erklärung von Evangelischer Kirche in Deutschland (EKD), Diakonie Deutschland und Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs  (UBSKM) sind die letzten Fragen zur regionalen Aufarbeitung geklärt worden. Die Erklärung wurde am 13. Dezember 2023 von der unabhängigen Missbrauchsbeauftragten Kerstin Claus, der EKD-Bevollmächtigten in Berlin, Anne Gidion, und Diakonie-Präsident Ulrich Lilie unterzeichnet. Sie unterstreicht das Ziel unabhängiger Aufarbeitung und verpflichtet EKD und Diakonie zur Einhaltung von Kriterien und Standards bei der Aufarbeitung.
  • In der Auslegungshilfe zur Gemeinsamen Erklärung sind neun Verbünde für Unabhängige Regionale Aufarbeitungskommissionen aufgeführt. Der Verbund West umfasst die Evangelische Kirche im Rheinland, die Evangelische Kirche von Westfalen, die Lippische Landeskirche und die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe.
  • Am 26. Februar 2024 wurde in Wuppertal der Verbund West zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt gegründet. Die entsprechende Erklärung als Grundlage für die Kommission wurde von den Leitungen der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Evangelischen Kirche von Westfalen, der Lippischen Landeskirche und des Diakonischen Werks Rheinland-Westfalen-Lippe unterzeichnet. Seit dem 1. Juni 2024 ist auch die Stelle der Geschäftsführung besetzt. Für die Benennung dreier unabhängiger Expert*innen seitens der Landesregierungen wurden Nordrhein-Westfalen und das Saarland um Vorschläge gebeten. Staatsanwälte bereiten zudem derzeit die Personalakten der an die ForuM-Studie gemeldeten Fälle auf, damit die Kommission eine gute Arbeitsgrundlage hat.

6. Wie werden die Betroffenen an der Aufarbeitung beteiligt?

Die Gemeinsame Erklärung von EKD, Diakonie Deutschland und Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) sieht die Organisation von Betroffenenforen vor. Für den Verbund West hat eine solche Veranstaltung am 21. Juni 2024 im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund stattgefunden. Im Rahmen der Veranstaltung, die extern moderiert wurde, meldeten sich Interessierte für die Teilnahme an Workshops, in denen Betroffene ihre zwei Vertreter*innen für die siebenköpfige Aufarbeitungskommission finden und beauftragen können. Die Workshops sollen im September stattfinden. Der Kommission gehören daneben noch drei unabhängige Expert*innen auf Vorschlag der Bundesländer und zwei Mitarbeitende von Kirche und Diakonie an. Kirchlich Beschäftigte dürfen in der Kommission keine Mehrheit haben.

Ein Plakat der rheinischen Kirche ermutigt Betroffene zudem, von ihren Erfahrungen zu berichten und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch Zeug*innen werden gebeten, ihre Beobachtungen, die möglicherweise auch schon lange zurückliegen, zu teilen. Das Plakat „Werden Sie los, was Sie nicht loslässt!“ kann bei der Landeskirche bestellt werden. Im Interview mit EKiR.info hat sich eine Betroffene im April 2024 aus ihrer Sicht zum Aufarbeitungsprozess in der rheinischen Kirche geäußert.

7. Was hat die erste lokale Studie zu sexualisierter Gewalt auf dem Gebiet der rheinischen Kirche ergeben?

Die Studie „Aufarbeitung der gewaltförmigen Konstellation der 1950er Jahre im evangelischen Schülerheim Martinstift im Moers“ der Bergischen Universität Wuppertal und der Fachhochschule Potsdam hat schwere Versäumnisse von Kirche und Diakonie offengelegt. Die rund 80 Schüler, die in den 1950er-Jahren in dem Alumnat (Schülerheim) schwerer körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, wurden nach dem Gerichtsurteil gegen den damaligen Alumnatsleiter Johannes Keubler im Mai 1956 seitens der Kirche und Diakonie und zum Teil auch seitens ihrer eigenen Familien vollkommen alleingelassen. Im Vordergrund stand stattdessen das Bemühen, das Image des Alumnats und der Diakonie nicht zu beschädigen. Mit der endgültigen Schließung im Jahr 1969 geriet das Martinstift in Vergessenheit. Erst das Engagement zweier Betroffener rückte die Gewalttaten wieder ins Bewusstsein.

Nach der Präsentation der Studienergebnisse haben Kirchenleitung, Kreissynodalvorstand, Presbyterium und Diakonievorstand die Ergebnisse in einem Workshop ausgewertet und beraten, welche Konsequenzen daraus gezogen werden müssen. Entsprechend wurden eine Vielzahl von weiterführenden Maßnahmen beschlossen. Zu diesen Maßnahmen gehören u. a.:
a) Verbesserung der Begleitung Betroffener durch Aushandeln von Rahmenverträgen mit Beratungsstellen.
b) Gespräch mit den Mitgliedern der unabhängigen Gremien für die Anerkennungsleistungen. An der Vereinheitlichung und den Standards arbeitet inzwischen auch das Beteiligungsforum auf EKD-Ebene.
c) Wissenschaftliche Aufarbeitung zum Thema „Sexualisierte Gewalt in den Internaten im Bereich der Evangelischen Kirche im Rheinland“. Ergebnisse einer Vorstudie sollen bereits im Laufe des Sommers 2024 vorliegen.
d) Auffällige und wiedererkennbare Veröffentlichung der vielen Ansprechmöglichkeiten in den Kirchenkreisen und auf landeskirchlicher Ebene in Form von Plakaten, Verteilkarten u. ä.
e) Erarbeitung eines Gottesdienstentwurfs bzw. einer Predigthilfe zum Thema „Sexualisierte Gewalt“.
f) Zum Maßnahmenpaket gehört auch der Auftrag an den Theologischen Ausschuss sowie mitberatend den Innerkirchlichen Ausschuss sowie den Ausschuss für Erziehung und Bildung, unter Berücksichtigung der Erkenntnisse aus der ForuM-Studie ein Positionspapier zum Umgang mit Macht, struktureller Gewalt sowie Schuld in der Evangelischen Kirche im Rheinland zu erarbeiten.

Kreissynodalvorstand, Presbyterium in Moers sowie der Vorstand der Diakonie RWL haben darüber hinaus noch weitere Maßnahmen beschlossen.

8. Welche Zahlen sind zu sexualisierter Gewalt auf dem rheinischen Kirchengebiet bisher bekannt?

  • Bei der Ansprechstelle für den Umgang mit Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung sind von Juni 2011 bis Ende Juni 2024 zu dem Themenfeld insgesamt 770 Beratungen erfolgt. Diese beinhalten Beratungen von Betroffenen, Fachkräften, Trägern und Interventionsteams sowie Verdachtseinschätzungen. In der im Frühjahr 2021 nach Einführung der Meldepflicht eingerichteten Meldestelle sind bis Ende Juni 2024 insgesamt 108 Meldungen aus allen Ebenen der rheinischen Kirche eingegangen, die sich aber zum Teil auch auf Jahre zurückliegende Vorfälle beziehen. In 30 dieser Fälle sind die Beschuldigten Theologen (in 28 Fällen ist die beschuldigte Person Pfarrer und in je einem Fall Pastor im Ehrenamt bzw. Vikar). Auf landeskirchlicher Ebene sind seit 1946 bisher 70 Verdachtsfälle sexualisierter Gewalt bekannt (darunter 59 Pfarrpersonen sowie weitere landeskirchliche Angestellte; nicht berücksichtigt sind ehrenamtlich oder beruflich Mitarbeitende in den Kirchenkreisen und Gemeinden). Die 108 Verdachtsmeldungen bei der Meldestelle und die 70 bekannten Verdachtsfälle auf landeskirchlicher Ebene können aber nicht addiert werden, weil es in zumindest einem Drittel dieser Fälle eine Überschneidung gibt.
  • Seit 2004 gab es in der rheinischen Landeskirche im Zusammenhang mit Verstößen gegen die sexuelle Selbstbestimmung 30 Disziplinarverfahren (28 gegen Pfarrpersonen, zwei gegen Kirchenbeamte). Vier davon laufen noch, alle gegen Pfarrpersonen. In zwölf der insgesamt 30 Fälle wurde oder wird auch staatlicherseits ermittelt. In dieser Zeit ruht das kirchliche Verfahren in der Regel. Nach Abschluss des staatlichen Verfahrens wird es – unabhängig von dessen Ausgang – unter Einbeziehung der Erkenntnisse der Justiz fortgeführt, um wie auch bei allen nicht strafrechtlich verfolgten Fällen einen etwaigen Verstoß gegen kirchliches Recht zu überprüfen.
  • Bisher wurden in 29 Fällen finanzielle Leistungen in Anerkennung des erlittenen Leids durch die Anerkennungskommission bewilligt (insgesamt 415.000 Euro). Dazu kommen 131 Fälle in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (insgesamt 1.960.000 Euro).

9. Hat sich die Evangelische Kirche im Rheinland eigentlich ausdrücklich zu ihrer Schuld bekannt?

Bei einem Radiogottesdienst zum Thema „Sexualisierte Gewalt und Kirche“ auf WDR 5 hat Vizepräses Christoph Pistorius am Sonntag, 27. Oktober 2019, ein nach wie vor gültiges Schuldbekenntnis formuliert. Mehrere Ausschüsse der Landessynode erarbeiten derzeit unter Berücksichtigung der Erkenntnisse aus der ForuM-Studie Materialien zum Umgang mit Macht, struktureller Gewalt sowie Schuld in der Evangelischen Kirche im Rheinland. Außerdem liegt inzwischen eine Handreichung zum Umgang mit dem Thema sexualisierte Gewalt in Gottesdienst und Predigt vor.

Weitere Informationen zum Thema finden sich auf der Übersichtsseite „Sexualisierte Gewalt und Kirche“.


Stand: Juli 2024

  • Ekkehard Rüger
  • Hans-Georg Vorndran/fundus-medien.de