Am Ende siegt das Leben

  • Ekkehard Rüger

Die Finsternis aushalten und auf das Licht vertrauen – durch die Corona-Pandemie wird neu fassbar, was Christinnen und Christen mit ihrem zentralen Glaubensfest verbinden.

Im vergangenen Jahr war es ein Schock, in diesem Jahr ist es fast schon Sicherheitsroutine. Auch das Osterfest 2021 wird karger ausfallen als gewohnt. All die vertrauten Begleitumstände, die mal mehr, mal weniger religiös grundiert sind, haben es pandemiebedingt weiter schwer. Die Familiengottesdienste, so sie überhaupt in Präsenz gefeiert werden, das Eiersuchen in großer Runde, die Enkelkinder auf dem Schoß der Großeltern, die Osterfreude inmitten des aufblühenden Lebens einer sonnigen Frühlingslandschaft – alles wird gedämpft durch die Schutzmaßnahmen vor einem unsichtbaren Virus. Aber womöglich ist Ostern, so karg, wie es uns zum wiederholten Mal erscheint, gerade deshalb leichter zu verstehen als zuvor.

Ein Fest der doppelten Zumutung

Denn in Wahrheit ist es ja ein sperriges Fest. Der christliche Glaube macht es nicht nur Glaubensfernen, sondern auch seinen Anhängern ausgerechnet dort, wo es um seinen Kern geht, wirklich schwer. Da soll man zunächst auf einen schrecklichen Tod am Kreuz blicken und zu allem Überfluss das zentrale Folterinstrument der Römer noch als wichtigstes Symbol dieser Religion akzeptieren. Und schon drei Tage später löst die Überlieferung das Geschehen in den kaum fassbaren Berichten von Jesu Auferstehung auf. Eine doppelte Zumutung – ja, das ist Ostern wohl in erster Linie. Es mutet uns viel zu, vor allem viel Mut.

Kreuze an der Außenwand der Frankenkapelle im Vorhof der Grabeskirche in Jerusalem.

Die Verlockung liegt so nahe, den düsteren Karfreitag einfach zu überspringen. Vielen ist er ohnehin fremd, die staatlich verordnete Stille ruft Jahr für Jahr Widerspruch hervor und will so gar nicht passen zu den aufkeimenden Frühlingsgefühlen. Womöglich ist das in dieser von der Pandemie geprägten Zeit anders. Denn für dieses Land und diese vom Coronavirus geplagte Welt ist schon seit mehr als einem Jahr Karfreitag. Beim Tod Jesu am Kreuz geht es ja nicht einfach um die kultische Überhöhung eines einzelnen Sterbens vor 2000 Jahren. Mit diesem Menschen, in dem Christinnen und Christen in besonderer Weise all das aufscheinen sehen, was Gott für ein gelingendes Leben auf Erden wünscht, leidet und ächzt die gesamte Schöpfung am Kreuz. Und die Christen versuchen den Blick darauf auszuhalten.

Wenn es heißt, dass Jesus „für uns“ gestorben ist, dann ist eine der möglichen Übersetzungen dafür diese: Gott ist da, wo die Not und das Leid am größten sind. Gerade da. Er ist da, wo die Schwachheit zu Hause ist, auch unsere Schwachheit. Und die Angst, auch unsere Angst. Dieser Bogen ist schon in der Weihnachtsgeschichte angelegt und vollendet sich in der Ostererzählung. Und weil sich in Jesus Gott selbst diesem Leiden aussetzt, sind auch alle, die Jesus nachfolgen wollen, aufgerufen, vor diesem Leiden nicht die Augen zu verschließen – selbst wenn sie dabei erst einmal nicht mehr zu bieten haben als ihre Hilflosigkeit, ihr Erschrecken und Verstummen. Das Kreuz fordert sie dazu auf im Vertrauen darauf, dass Gott gegenwärtig ist. Das ist seine erste Ermutigung.

Schweigen als urmenschliches Bedürfnis

Denn Mut braucht es, um nicht wegzusehen. Die Bibel erzählt von einer Finsternis, die sich im ganzen Land ausbreitete. Und diese Finsternis greift auch seither wieder und wieder um sich. Sie herrschte vor dem Coronavirus, sie herrscht jetzt in besonderem Maße weltweit, und sie wird sich auch in der Zukunft wieder ausbreiten überall da, wo Unrecht herrscht, Menschen in Not sind und um Leib, Leben und Zukunft bangen. Angesichts all des herzzerreißenden Leids und der Grausamkeit des Todes fordert in dieser Finsternis auch ein urmenschliches Bedürfnis seinen Raum: zu schweigen. Der Karfreitag, ein stiller Feiertag, ist der religiöse Ausdruck dieses Bedürfnisses.

Und er steht gegen den billigen Trost. Denn es gibt eine Verzweiflung, die sich zu rascher Aufmunterung verweigert. Menschen, die um geliebte Angehörige trauern, wissen das. Welches Wort wäre auch wirklich dazu angetan, das Entsetzen zu lindern angesichts der Särge in Endlosreihen? Wer wollte all denjenigen, deren Existenz durch die Maßnahmen gegen die Pandemie von einem auf den anderen Tag ins Wanken geriet, ein gedankenloses „Wird schon wieder“ entgegenhalten? Wie viel Zuspruch vertragen die zahllosen geplatzten Lebensentwürfe, die dramatischen Krankheitsverläufe und gescheiterten Rettungsversuche?

Der Satz von Karfreitag ist nicht „Alles wird wieder gut“, sondern „Ich bin da“. Ich bin da, auch wenn die Not- und Todesfälle zahl- und namenlos werden, weil sie schier nicht mehr zu bewältigen sind. Ich bin da, auch wenn niemand anderes an deiner Seite steht, denn ich kenne dich. Auch dein Name steht im Himmel geschrieben. Diese Zusicherung Gottes ist allerdings immer wieder in Zweifel gezogen worden – am Kreuz auch von Jesus selbst. Zumindest die Evangelisten Matthäus und Markus erzählen von seinem Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Der Karfreitag, er ist daher auch der Tag der Glaubenszweifel und der Klage im Schatten des Schreckens.

Die Grabeskirche in Jerusalem ist um den Golgatha-Felsen errichtet worden, auf dem Jesus gekreuzigt wurde.

Jahrtausendealte Geschichten des Leids

Und doch mag selbst in dem Karfreitagsgeschehen schon ein Hauch von Trost liegen. Weil es uns aus dem Gefühl, nur wir würden leiden, befreit. So wie wir uns mit den biblischen Geschichten einbetten können in den Glaubensstrom vor uns, das Hoffen und die Gotteserfahrungen von Jahrtausenden, so macht auch das Drama der Gegenwart eben nur einen Teil der Abgründe aus, denen die Menschen von Anbeginn immer wieder ausgesetzt sind. Nicht nur unsere Eltern und Großeltern können davon berichten. Auch die Bibel ist voll davon. Und ihre Erzählungen reichen drei Jahrtausende zurück.

Nackt und karg steht das Osterfest in diesem Jahr wieder vor uns. Und nackt und karg steht die Christenheit vor diesem Fest. Mit leeren Händen, der eingeübten und Sicherheit gebenden Rituale beraubt. Aber wo Vertrautes schwindet und damit zugleich die Selbstsicherheit, öffnet sich auch ein weiter Raum für Vertrauen auf Gott. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat diese Erfahrung in seinem Glaubensbekenntnis von 1943 so beschrieben: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“

Die leeren Hände, mit denen wir in diesen Tagen vor dem Osterfest stehen, sie schlagen die Brücke zu der österlichen Hoffnungserzählung von der Auferstehung – weil auch im Gedanken der Auferstehung der Verstand sich ganz auf den Glauben verlassen muss. Nirgendwo sonst ist der christliche Glaube so verletzlich, so angreifbar, weil er sich auf einer Vernunftsebene so schlecht verteidigen kann. Was taugt schon ein Geheimnis als Argument.

Der Osterglaube ist eine offene Wunde

Wenn es so einfach wäre mit der Auferstehung, dann gäbe es das alles wahrscheinlich nicht: die ganzen theologischen Deutungsversuche und heftigen Richtungsstreits, dazu noch den Gegenwind der Aufklärung und die gezielte Profanisierung des Osterwunders mit Erklärungen wie der, Jesus sei nur scheintot gewesen. Der Osterglaube ist nicht nur ein Wunder, sondern in vielerlei Hinsicht auch eine offene Wunde. Und in diese Wunde legen nicht nur Religionskritiker unserer Zeit ihren Finger. In diese Wunde legte schon Thomas seinen Finger.

Die Religionsgeschichte hat diesem Jünger Jesu das Attribut „ungläubig“ verpasst. Dabei kann man ihn auch als Statthalter aller Glaubenszweifel von den biblischen Zeiten bis zur Gegenwart verstehen. Denn die Zweifel von Karfreitag haben sich Ostern ja nicht einfach erledigt. Nirgendwo in der Bibel wird Jesu Auferstehung direkt beschrieben. Immer sind es Augenzeugenberichte, zunächst von Frauen, auf die sich die Evangelien berufen. Und Thomas mag diese Berichte nicht glauben – so lange, bis er, so erzählt es der Evangelist Johannes, dem auferstandenen Jesus begegnet und seine Hand in dessen Seite legen kann. Aber das wohl gerade nicht, weil er ungläubig wäre. Eher schon, weil seine Glaubenssehnsucht ihn durch seine Zweifel hindurchträgt.

Thomas, der’s nicht glauben kann und doch mit ganzem Herzen glauben will. Vielleicht ist er gerade deswegen der stärkste Kronzeuge für unsere Gegenwart. Und seine Geschichte macht deutlich, dass sich niemand seiner Zweifel schämen muss. Schon die Bibel gibt in ihren Erzählungen diesen Zweifeln Raum. Und sie lässt auch Raum für die Vorstellung, was denn Auferstehung genau bedeutet, welche Gestalt sie annimmt. Der Auferstehungsglaube jedenfalls lässt sich nicht verordnen und auch nicht herbeipredigen. Er ist ein Geschenk. Ein Geschenk für das gewachsene Vertrauen auf Gott. Wenn man so will, ist er das Licht am Ende des Tunnels, das Gott verlässlich verspricht, während wir uns noch mitten in der Finsternis wähnen.

Blick vom Ölberg auf Jerusalem.

Heilsamer Prozess gegen das Destruktive

Diesem Licht zu vertrauen, das ist die zweite Ermutigung von Ostern. Und auch dieses Vertrauen gewinnt eine neue Klarheit vor dem Hintergrund der noch so uferlosen Pandemie. Denn es macht sich nicht erst im Jenseits bezahlt, sondern schon im Hier und Jetzt. Für Christinnen und Christen ohnehin: Wenn sie die Osterbotschaft zusammenfassen, dann sprechen sie davon, dass der Tod bei Gott nicht das letzte Wort hat. In der Auferstehung sehen sie die Erlösung aller Menschen von Schuld und Leid und Tod. Aber auch ein ausschließlich weltlicher Blick findet im Ostergeschehen einen heilsamen Prozess wieder, der Menschen durch die Jahrtausende immer wieder dazu bewegt hat, dem Destruktiven nicht alle Macht über das eigene und das Leben anderer zuzugestehen. Anders sind die gesellschaftlichen Auferstehungen aus den Blutbädern und Seuchen der Geschichte nicht zu erklären.

Im Grunde erzählt die Ostergeschichte also nicht nur von der Kernbotschaft des christlichen Glaubens, sondern zugleich von dem urmenschlichen Widerstreit zwischen abgrundtiefer, auswegloser Verzweiflung und der Hoffnung auf ein besseres Morgen. Und sie erzählt davon nicht neutral, sondern dramaturgisch mit einer eindeutigen Haltung: Am Ende wird das Leben siegen.

Im gesamten Ostergeschehen von Karfreitag bis zur Auferstehung, von Jesus am Kreuz bis zum Hoffnungslicht des Ostermorgens, scheint ein ungewöhnliches Bild von Gott auf. Das Gottesbild von Ostern ist eines der Schwäche, aus der Starkes erwächst. Selbst im Moment der größten Hilflosigkeit, unter dem Kreuz und inmitten der Finsternis, vertraut es Gottes Zusage seiner Nähe und Menschenliebe. Und es bestärkt so zugleich die Menschen darin, diese Liebe weiterzugeben. Es bestärkt die Menschen, auch in Krisenzeiten nicht allein die eigene Haut zu retten, sondern auch all das, was von Gottes Reich schon auf Erden möglich ist – mitten unter uns, mitten am Tage. Der Auferstehungsglaube ist deshalb nicht nur auf die Zukunft gerichtet, er dient auch unserer noch so verzweifelten Gegenwart. Weil er uns aus der Erstarrung erlöst und aus der Fixierung auf uns selbst. Und so (Zusammen-)Leben wieder möglich macht.

An jenem Tage,
der kein
Tag mehr ist –
vielleicht
wird er sagen:

Was tretet ihr an
mit
euren Körbchen voller Verdienste,
die klein
sind wie Haselnüsse
und meistens hohl?
Was wollt ihr
mit
euren Taschen voller Tugenden,
zu denen
ihr gekommen seid
aus
Mangel an Mut,
weil euch Gelegenheit fehlte
oder
durch fast
perfekte Dressur?

Habe ich euch
davon nicht befreit?

Wissen will ich:
Habt ihr die andern
angesteckt mit Leben?

Joachim Dachsel
© Union Verlag Berlin. Alle Rechte
vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt

Taizé
Die wöchentliche Nacht der Lichter in der Kirche der Versöhnung in Taizé ist geprägt vom Weiterreichen des Hoffnungslichts.

Das Symbol der Osterkerze

Anstecken mit Leben – das könnte gerade im Angesicht der weltweiten Infektionsgefahr durch ein gefährliches Virus die aktuelle Deutung des Osterfestes sein. Die österliche Liturgie hält dafür seit jeher das Symbol der Osterkerze bereit. Eine kleine Flamme entfaltet große Wirkung, indem sie weitergereicht wird. In der ökumenischen Kommunität von Taizé im französischen Burgund ist das jede Woche Praxis. In der Kirche der Versöhnung kann man jeden Samstagabend erleben, wie rasch sich das Hoffnungslicht der Liebe von der Osterkerze unter den Anwesenden verbreitet, indem sie es nicht für sich behalten, sondern mit dünnen Stabkerzen weiterreichen an die, die neben ihnen sitzen.

Diese österliche Symbolik ist tröstlich: Nicht nur ein Virus kann ansteckend sein, sondern auch die Liebe. Sie hat die Kraft eines Gegenmittels, das eine Gemeinschaft zusammenhält, selbst wenn räumliche Distanz aus Sicherheitsgründen das Gebot der Stunde ist.

Die Kirche in Taizé ist wie viele traditionelle Kirchengebäude nach Osten ausgerichtet. Wer am Ostermorgen in Richtung Altar blickt, schaut dorthin, wo die Sonne aufgeht, wo das Licht herkommt, wo der neue Tag anbricht. Von alters her ist das ein Symbol für die Auferstehung. Man kann die Ausrichtung des Kirchengebäudes im engeren christlichen Sinne allein so verstehen. Man kann auch allgemeiner sagen: Wir kennen eine Zukunft der Hoffnung. Die Finsternis der Gegenwart wird nicht von Dauer sein.

Fotos: unikat/Jan Schletter, ekir.de, S. Leutenegger © Ateliers et Presses de Taizé