Seelsorge öffnet sich dem Internet

Ob Austausch per Messenger oder Videogespräch – gerade in der Corona-Zeit stärken solche Treffpunkte die Verbindung untereinander trotz physischer Distanz. Für viele Menschen gibt es in ihrer Lebenswirklichkeit keine strikte Trennung mehr zwischen online und offline. Daher ist es wichtig, dass kirchliche Seelsorge- und Beratungsangebote Menschen dort erreichen, wo sie sich bewegen. „Das Netz trägt auch durch schwere Zeiten – Seelsorge online“ heißt eine Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland mit Vorträgen am Freitag, 27. November, und Workshops am Mittwoch, 2. Dezember.

Lange Zeit galt in der Kirche, dass Seelsorge am besten im gemeinsamen Gespräch vor Ort geschieht, aber die durch die Corona-Pandemie notwendigen Kontaktbeschränkungen zeigen, dass es oft nur die Alternative gibt: entweder einen Online-Kontakt oder gar keinen Kontakt. Außerdem bietet das Netz niederschwellige Kontaktmöglichkeiten, sodass ein Seelsorgegespräch ohne das Internet nicht zustande käme.

Von der Face-to-Face-Begegnung zum digitalen Erstkontakt

Als jungem Vikar fiel mir eine Festschrift meiner Vikariatsgemeinde aus den 50er Jahren in die Hände. Ein Kapitel behandelte den Umgang mit neu zugezogenen Gemeindegliedern. Ihnen oblag es, so die Festschrift, sich beim Pfarrer (Pfarrerinnen waren damals nicht im Blick) vorzustellen und anzumelden. Der Erstkontakt zum Pfarrer begann idealerweise mit einer Face-to-Face-Begegnung anlässlich eines Umzuges, falls man nicht in der Gemeinde aufgewachsen war. Heute ist für die meisten Menschen, sofern sie nicht kirchlich Hochverbundene sind oder der älteren Generation angehören, der Erstkontakt digital und somit niederschwelliger. Man googelt die Kontaktdaten der Pfarrerin oder des Pfarrers, wenn man sie oder ihn benötigt, beispielsweise um ein Tauf- oder Traugespräch zu vereinbaren.

Verbindung kann über soziale Netzwerke erhalten bleiben

Während früher der Kontakt zur Pfarrerin oder dem Pfarrer durch Wegzug in der Regel abbrach, bleibt heute oft eine digitale Kontaktmöglichkeit bestehen. Wer einmal Kontakt über soziale Netze miteinander gehabt hat, entfreundet sich in der Regel nicht, sondern behält diesen Kontakt, der bei Bedarf wieder aufleben kann. So beispielsweise ein Kollege, der seinen Ex-Konfirmandinnen und Konfirmanden, auch wenn sie wegen des Studiums oder der Ausbildung woanders wohnen, über Facebook einen Geburtstagsgruß schreibt, sofern sie dort ihr Geburtsdatum hinterlegt haben, und so Kontakt hält und seine Ansprechbereitschaft signalisiert. Auch wenn die meisten Jugendliche heute nicht mehr Facebook als soziales Netzwerk nutzen, zeigt dieses Beispiel, dass Social Media eine Möglichkeit ist, Kontakte zu halten, die bei Gelegenheit reaktiviert werden. Wer so die Kontaktdaten der Pfarrerin oder des Pfarrers auf dem Handy mit sich trägt, kann sie oder ihn ansprechen und aus einem Geburtsgruß kann sich auch ein seelsorgliches Gespräch entwickeln.

Niederschwelligerer Zugang zu Beratung und Seelsorge

Social Media macht in mancher Hinsicht Beratung oder Seelsorge einfacher zugänglich als das Pfarrhaus oder die Beratungsstelle: Keine Türschwelle muss überschritten, keine Zeit vereinbart, kein Name genannt werden. Das erleichtert es Menschen, denen es schwerfällt, sich anzuvertrauen, oder die Angst vor körperlicher Nähe haben, sich Rat zu holen. Gleichzeitig erweitert und verändert sich Seelsorge im digitalen Raum. Seelsorgende und Ratsuchende gehen anders aufeinander zu: In den sozialen Netzwerken machen sich Seelsorgerinnen und Seelsorger mit ihrer Person und ihren persönlichen Erfahrungen sichtbar, die Gespräche gewinnen an Augenhöhe. Die Formate werden vielfältiger: Ein Bild oder ein Text, in den sozialen Medien als Tagesbegleiter oder Ermutigung gepostet, sind neue Formen der Seelsorge. Pfarramtliche Zugehörigkeit und Grenzen von Gemeinden, Kirchenkreisen und Landeskirche sind dabei nicht mehr entscheidend.

Nähere Informationen zu der Tagung „Das Netz trägt auch durch schwere Zeiten“ finden sich hier . 

Ein Beispiel für neue Formen der seelsorglichen Kommunikation sind die Beiträge der Gemeindepastorin Josephine Teske auf Instagram. 

Ein anderes Beispiel ist die Beratung per Videoanruf in der Beratungsstelle für Erziehungs-, Familien-, Ehe- und Lebensfragen im Kirchenkreis an der Agger.

Info: Digitale Seelsorge auf kircheneigenen Plattformen

Seelsorge auf Social Media ist nachgefragt, aber aus Datenschutzgründen bedenklich, denn die kommerziellen Netzwerke sind keine geschützten Räume für Seelsorge und Beratung. Daher ist es wichtig, dass Seelsorgeangebote auch auf kircheneigenen Plattformen stattfindet. Das reichweitenstärkste deutschsprachige digitale Seelsorgeangebot ist die Telefonseelsorge im Internet, die seit 1995 auch Begleitung per Mail und Chat anbietet. Die Chatseelsorge und Mailseelsorge der Telefonseelsorge ist anonym, Seelsorgerinnen und Seelsorger sind nicht mit Gesicht und Biografie präsent.
Mit einem anderen Konzept startete 2003 www.chatseelsorge.de als ein Seelsorgeangebot der Landeskirchen Hannover und Rheinland. Die Seelsorgenden sind alle Pfarrerinnen und Diakoninnen oder Pfarrer und Diakone. Sie sind mit einem Bild und einer Kurzbiografie präsent, sodass sich Interessierte aussuchen können, mit wem sie ein Gespräch eingehen wollen.

  • 20.11.2020
  • Ralf Peter Reimann
  • Red