Antisemitische Stereotype erkennen und widersprechen

Nicht erst seit dem terroristischen Überfall der Hamas auf israelische Zivilisten im vergangenen Oktober fühlen sich auch in Deutschland Jüdinnen und Juden bedroht. In sozialen Medien wird mit alten Vorurteilen Hetze betrieben. Um der Frage nachzugehen, welche Vorurteile es über das Judentum gibt und wo diese ihren Ursprung haben, hatte der Kirchenkreis Simmern-Trarbach zu einem Gesprächs- und Informationsabend nach Büchenbeuren eingeladen. Und der stieß auf großes Interesse.

„Ich bin überrascht, erfreut und begeistert, dass so viele heute hier sind“, meinte Pfarrer Benjamin Engers (Argenthal), der Vorsitzende des Synodalausschusses für Verkündigung und Kommunikation, sichtlich beeindruckt. Der christliche Glaube habe seine Wurzeln im Judentum, auch Jesus sei Jude gewesen. Daher sei es für Christinnen und Christen eine bleibende Verantwortung, sich mit Antisemitismus auseinanderzusetzen, eine Haltung zu entwickeln und auskunftsfähig zu sein, so der Pfarrer.

Dr. Christina Risch, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für evangelische Theologie der Universität Koblenz, erläuterte anhand von Bildern aus dem Internet, wie mit Stereotypen Hetze gegen jüdische Menschen betrieben wird. So beispielsweise die sogenannte „Ritualmordlegende“, ein tödliches Gerücht, das seit dem 11. Jahrhundert gegen Jüdinnen und Juden verwendet wird.

So sei im Hochmittelalter von einem christlichen Mönch Juden in Norwich beschuldigt worden, am Tod eines Kindes schuld zu sein. In einem Buch beschrieb der Mönch, wie Juden den Jungen angeblich gekauft, gemartert und am Karfreitag gekreuzigt hätten. Er schrieb von einer jüdischen Weltverschwörung, die jährliche Kinderopfer fordere. Ein Gerücht, dass sich in den folgenden Jahrhunderten immer weiter verbreitete und bis heute in Vorurteilen gegen Jüdinnen und Juden Verwendung finde.

„Auch in unserer Region hat sich dieses tödliche Gerücht verbreitet“, betonte Christina Risch und verwies auf die „Werner-Verehrung“ in Bacharach. Ende des 13. Jahrhunderts sei „Werner von Womrath“ aus unerklärlichen Gründen gestorben, wobei auch hier Juden für seinen Tod verantwortlich gemacht wurden, was zu einem antijüdischen Pogrom führte. Bereits 1289 sei die Wernerkapelle in Bacharach zum Ort einer Werner-Verehrung geworden. „Erst Ende des 20. Jahrhunderts ist der breit ausgeschmückte Wernerkult wegen seiner antijüdischen Wurzeln aufgehoben, die Werner-Klinik in Loreleykliniken umbenannt und die Werner-Kapelle in Mutter-Rosa-Kapelle umbenannt worden“, unterstrich Christian Risch.

Bereits 1247 habe Papst Innozenz IV. die Ritualmordlegende als falsch und als Erfindung bezeichnet und Christen aufgefordert, sich an dieser Diffamierung nicht zu beteiligen. Dennoch gebe es auch einen christlichen Judenhass, bedauerte die Theologin und verwies unter anderem auf Luther und dessen Antisemitismus in seinen letzten Lebensjahren, der von den Nationalsozialisten immer wieder aufgegriffen worden sei.

„Auch heute wird die Ritualmordlegende schwerpunktmäßig in der arabisch-muslimischen Welt rezipiert, gerade im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt“, mahnte die Theologin. Gleiches gelte für den Vorwurf, die Juden seien für Jesu Tod verantwortlich. „Der Gottesmordvorwurf auf Social Media taucht wieder gehäuft auf, um Jüdinnen und Juden zu stigmatisieren und ihnen die Empathie der Christen zu entziehen. Doch dem müssen wir aus historischer Verantwortung heraus widersprechen“, so Christina Risch.

Viele Informationen, die von den Anwesenden ausführlich diskutiert wurden, auch vor dem Hintergrund des aktuellen Konfliktes im Nahen Osten und die Demonstrationen in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern. Dabei ging es auch um die Frage, was Antisemitismus ist und wann Kritik an der Politik Israels antisemitisch würde. Und alle waren sich einig, dass Kirche hier auch um der eigenen Glaubwürdigkeit willen allem Antisemitismus entschieden entgegentreten müsse. Dr. Christina Risch: „Es ist wichtig, alte Muster in neuem Gewand in den sozialen Medien zu erkennen und einzuordnen. Wer Jüdinnen und Juden kollektiv als das Böse bezeichnet, das bekämpft werden müsse, der ist ein Antisemit.“

  • 17.5.2024
  • Dieter Junker
  • Dieter Junker