„Wir müssen lernen, diasporafähig zu werden“

DREI FRAGEN AN . . . den rheinischen Präses Manfred Rekowski zur Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, die am Montag endete. Schwerpunkte der Beratungen waren die Zukunft der Kirche und ihre Finanzstrategie.

Herr Rekowski, die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat „Zwölf Leitsätze zur Zukunft einer aufgeschlossenen Kirche“ verabschiedet. Wie beurteilen Sie aus rheinischer Sicht den endgültigen Wortlaut der im Vorfeld sehr kritisch diskutierten Leitsätze – und haben Sie darunter einen Favoriten?

Manfred Rekowski: Ich begrüße ausdrücklich den Versuch, die Diskussion um die Zukunft der Kirche und die Gestalt ihrer Arbeit mit einem Prozess der inhaltlichen Selbstvergewisserung zu verbinden. Die Entstehungsgeschichte der zwölf Leitsätze war nicht ganz glücklich, zumal zunächst ein deutliches Schwergewicht auf strukturellen und organisatorischen Fragen lag. Der Abschnitt „Wir leben, was wir glauben“ zur Frömmigkeit beschreibt sehr eindrücklich, dass christlicher Glaube nicht nur für viele Menschen Lebenshilfe ist, sondern auch zum konkreten Handeln führt.

Zugleich hat die EKD-Synode beschlossen, dass bis 2030 eine Summe von 17 Millionen Euro eingespart werden soll, ohne dass schon festgelegt wurde, wo. Trotzdem: Welche Auswirkungen erwarten Sie für die rheinische Kirche, beispielsweise bei der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel?

Rekowski: Das vorgegebene Gesamtsparziel wurde nicht infrage gestellt. Aber die EKD-Synode hat in diesem Zusammenhang nicht zuletzt auch aufgrund einer rheinischen Initiative beschlossen, dass der Prozess über die sogenannte Finanzstrategie zukünftig stärker durch die Synode verantwortet werden soll. Dazu gehört auch, dass zu den Einsparungsvorschlägen synodale Prüfaufträge gestellt werden können, die im weiteren Beratungsprozess aufgegriffen werden sollen. Im Blick auf die kirchlichen Hochschulen haben wir betont, dass es ein größeres Bewusstsein für ihren zukünftigen Beitrag zur Ausbildung des theologischen Nachwuchses in einer Zeit geben muss, in der die Hochschullandschaft insgesamt starken Veränderungen ausgesetzt ist. Deshalb hatte die Evangelische Kirche im Rheinland ja schon zuvor beschlossen, gemeinsam mit den Westfalen die Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel weiterzuführen.

Ist für Sie mit der EKD-Synode deutlicher geworden, wie eine veränderte Kirche der Zukunft aussehen könnte?

Rekowski: Sowohl in den zwölf Leitsätzen als auch in den Diskussionen der EKD-Synode fehlte mir eine gründliche Auseinandersetzung mit der Rolle der evangelischen Kirche, die sie als potenzielle Minderheitskirche in unserer Gesellschaft zukünftig haben wird. Mit diesem Szenario und der Frage, wie wir unter diesen Umständen wirken wollen, müssen wir uns intensiv auseinandersetzen. Wir müssen lernen, diasporafähig zu werden. Dass die Kirche Institution und Organisation ist, gehört zur DNA der protestantischen Kirchen in Deutschland. Dass sie aber auch Bewegung ist, wird in den nächsten Jahren deutlich bedeutsamer werden. Das ist für mich das wichtigste Lernfeld für unsere Kirche.

Die von der EKD-Synode beschlossenen „Zwölf Leitsätze zur Zukunft einer aufgeschlossenen Kirche“ finden sich hier .

  • 11.11.2020
  • Ekkehard Rüger
  • Marcel Kuß