Glocken aus Düsseldorfer Kirchen werden Teil eines Kunstwerks

„Kirche und Kultur gehören zusammen“, finden zwei Düsseldorfer Kirchengemeinden und schicken einige Glocken aus entwidmeten Kirchen zu einem Kunstprojekt des amerikanischen Künstlers William Forsythe im Kunsthaus Zürich .

Wenn eine Kirchenglocke mit dem Gewicht eines Mittelklassewagens aus einer Höhe von etwa 30 Metern geholt wird, dann sollte die Aufhängung möglichst sicher sein. „Safety first“, heißt es deshalb für Dirk Hüttemann und sein Team von der Glocken- und Kunstguss-Manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock im münsterländischen Gescher, als sie die schwerste der drei Glocken der Heilig-Geist-Kirche der Evangelischen Kirchengemeinde Urdenbach im Süden Düsseldorfs per Seilwinde herunterlassen. Die Schlagwerke werden nach Süden geschickt, um in Zürich Teil eines Projekts des US-amerikanischen Künstlers und Choreographen William Forsythe zu werden.

Die schwerste Glocke wiegt 1.256 Kilogramm

Alle drei Glocken holen Hüttemann und zwei Mitarbeiter auf diese Weise an zwei Tagen aus dem Turm der im Oktober 2020 entwidmeten Kirche. Neben der 1.256 Kilogramm schweren Bronzeglocke werden auch zwei, 862 und 611 Kilogramm schwere Glocken aus dem Kirchturm geholt. Die Demontage wiederholt das Unternehmen anschließend in der ebenfalls aufgegebenen Thomaskirche der Evangelischen Emmaus-Kirchengemeinde in Düsseldorf-Mörsenbroich.

„Jeder Kirchturm ist eine Herausforderung“

Für Geschäftsführer Hüttemann ist die Demontage von Glocken zwar nicht unbedingt Alltagsgeschäft, aber auch kein Neuland. „Wir machen so etwas zwei bis drei Mal im Quartal“, erzählt er. Jede Demontage sei gleichwohl etwas Besonderes: „Jeder Kirchturm ist eine Herausforderung, weil er anders als der vorherige ist.“

Arbeit auf dem Kirchturm der Heilig-Geist-Kirche in Düsseldorf-Urdenbach.

Die Glocken sollen später verkauft werden

Im vor kurzem fertiggestellten Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich sollen die Düsseldorfer Glocken im Mittelpunkt einer sich über mehrere Räume hinziehenden Installation von Forsythe werden. Sie trägt den Titel „The Sense of Things“ (Der Sinn – oder auch: Die Empfindung – der Dinge). Nach Abschluss der Ausstellung sollen die Glocken verkauft werden. In Kontakt mit dem Künstler und seinem Team waren die Gemeinden über die Internetplattform „Glockenbörse“ gekommen. In den Gemeinden freut man sich über die Teilnahme an dem Projekt. „Kirche und Kultur gehören zusammen“, sagt Margarete Preis, Mitglied des Presbyteriums der Kirchengemeinde Urdenbach. „Die Einbindung der Glocken in dieses Werk ist eine schöne Würdigung für das Instrument“, ergänzt Pfarrer Lars Schütt von der Emmaus-Kirchengemeinde.

Eine „kontrapunktische Komposition“ für das neue Kunsthaus

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Gescher, wo die Glocken aufgearbeitet werden, geht es Anfang Februar nach Zürich. Vom 23. April bis 24. Mai – soweit es die Corona-Pandemie zulässt – ist das Werk dort zu sehen. Der Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich ist von dem britischen Stararchitekten David Chipperfield und seinem Team geplant und umgesetzt worden. Mit dem Bau, der auch nach ökologischen Gesichtspunkten neue Standards setzen soll, wird das Kunsthaus den Angaben zufolge zum größten Kunstmuseum der Schweiz. Die Überlegung zu der Installation von William Forsythe sei, für das neue Gebäude „eine kontrapunktische Komposition mit Kirchenglocken“ zu entwerfen, sagt Kuratorin Mirjam Varadinis. Man sei dazu mit verschiedenen Produzenten von Kirchenglocken in der Schweiz und Deutschland in Kontakt getreten. Über den Glockensachverständigen Sebastian Wamsiedler sowie die Evangelische Kirche im Rheinland kam der Kontakt nach Düsseldorf zustande.

Die Glocken der beiden Geläute werden neu gemischt

Bei der Forsythe-Installation gehe es zum einen um „eine körperlich-sinnliche Annäherung an das neue Gebäude“, erklärt die Kuratorin. Ziel sei eine „akustische Erschließung des Gebäudes“, betont Julian Gabriel Richter, Studio Director der Forsythe Productions GmbH. Zudem sollen die Besucherinnen und Besucher eine neue Erfahrung der Glocken und des Klangs machen. Die Glocken werden auf verschiedene Säle des Erweiterungsbaus verteilt und in eigens gefertigten Glockenstühlen aufgehängt. „Im Museum werden die Glocken der beiden Geläute neu gemischt, und es kommen Klänge zusammen, die so nie in einem klassischen Kirchengeläut verwendet werden“, sagt Varadinis. Mit der Arbeit wird erstmals Kunst in dem neuen Museumsbereich präsentiert, für Forsythe ist die Arbeit mit den Glocken eine Premiere.

  • 2.2.2021
  • epd/Michael Bosse
  • epd-Bild/Hans-Jürgen Bauer