Einsamkeit und Zukunftsängste: Auch junge Menschen suchen Seelsorge

Die Corona-Pandemie sorgt für mehr Nachfrage etwa an Schulen

Düsseldorf. „Die Herausforderungen für die Seelsorge unter Pandemiebedingungen sind groß, aber sie hat neue Formen gefunden und Wege, gute Angebote zu machen.“ Dieses erste Fazit zog Kirchenrat Jürgen Sohn, Leitender Dezernent für Seelsorge im Landeskirchenamt, bei einem Pressegespräch der Evangelischen Kirche im Rheinland zum Thema „Corona und Seelsorge“. Im Fokus standen dabei vor allem die Pandemiefolgen für die jungen Menschen.

So hätten sich beispielsweise die Anfragen bei der Schulseelsorge explosionsartig um etwa ein Drittel erhöht, berichtete die zuständige Landespfarrerin Sabine Lindemeyer. Die rund hundert zu Schulseelsorgerinnen und -seelsorgern fortgebildeten Religionslehrkräfte und etwa 310 Pfarrerinnen und -pfarrer an den staatlichen Schulen haben kreative Wege gefunden, dieser gestiegenen Nachfrage auch unter Coronabedingungen nachzukommen: vom „Walk to talk“-Spaziergang und Seelsorge-Gesprächen mit Abstand auf der Bank über den Austausch per digitaler Plattform der jeweiligen Schule bis hin zu Podcasts und Videos. Sogar ein Seelsorgehund befindet sich derzeit in der Ausbildung und wird dann an einer Realschule zum Einsatz kommen.

Digitale Seelsorgeformate erreichen auch schüchterne Schüler

Ein möglicher digitaler Weg, Erfahrungen von Tod und Sterben unter den jungen Menschen seelsorglich zu begegnen, ist die Einrichtung eines Online-Kondolenzbuchs in Kombination mit dem Anbieten von Gesprächsräumen. „Beziehung ist das Hauptwort der Schulseelsorge“, sagte Lindemeyer. Die neuen digitalen Formen hätten dabei auch schüchterneren Kindern und Jugendlichen den Zugang zur Seelsorge ermöglicht, die eine direkte Begegnung eher scheuten. Erschrocken zeigte sich die Landespfarrerin von der wachsenden Bedeutung des Suizid-Themas während der Pandemie. Einsamkeit und fehlender Kontakt zur eigenen Altersgruppe führten zu psychischen Schwierigkeiten, die durch die Schulseelsorge aufgefangen werden müssten. Lindemeyer rechnet daher für die Zeit nach der Pandemie mit einer weiteren großen Welle an Anfragen. Ab dem 1. Oktober soll ein schulübergreifendes Chatangebot an den Start gehen, um auch Schulen ohne eigene Seelsorgekräfte zu unterstützen. Lehrkräfte, die sich für die Seelsorgefortbildung interessieren, können am 28. August an einer Orientierungsveranstaltung teilnehmen.

Studierende haben Schwierigkeiten bei der Identitätsfindung

Die fehlende Abnabelung vom Elternhaus beobachtet Pfarrerin Christiane Neufang  (Evangelische Studierendengemeinde Köln ) unter den Studierenden mit Sorge. Viele zögen vom Wohnheim wieder zurück ins Elternhaus, um der Einsamkeit zu entkommen. „Es fehlt auch die Identitätsfindung. Wie fühlt es sich an, Student oder Studentin zu sein, wenn ich gar nicht erlebe, mich in der Mensa zu verabreden?“ Gerade unter Erstsemestern seien daher vermehrt Studienabbrüche zu erleben. „Die Studierenden lechzen und sehnen sich nach analogen Begegnungen.“ Zum Glück biete das Kölner Studierenden-Wohnheim genug Platz, um auch analoge Gesprächsangebote zu machen.

Offen für Menschen unabhängig von Religion und Herkunft

Gemeinsam ist Schülerinnen, Schülern und Studierenden eine verbreitete Sorge um die Zukunft. Aber es gibt auch Mut machende Beispiele für gegenseitige Solidarität: So wurden an Corona erkrankte Bewohner des Kölner Wohnheims während Erkrankung und Quarantäne von der gesamten Etage versorgt. „Und wir haben begleitend die Psychohygiene übernommen“, erzählte Neufang. Für alle Seelsorgebereiche gilt: Sie sind offen für Menschen unabhängig von ihrer Konfession, Religion und Herkunft. Und sie arbeiten darauf hin, dass am Ende des Seelsorgegesprächs der Satz steht: „Dich hat der Himmel geschickt.“ Denn kirchliche Seelsorge, so Jürgen Sohn, müsse gerade vor dem Hintergrund der Missbrauchs-Skandale Vertrauen zurückgewinnen. Das werde nur durch eine dienende Haltung erreicht, bei der Menschen Unterstützung und Begleitung ohne das Verfolgen eigener Interessen erfahren.

Hinweis an die Redaktionen: Einen deutlichen coronabedingten Anstieg der Nachfrage belegt auch ein Blick auf die Zahlen der Telefonseelsorge.

  • 30.4.2021
  • Ekkehard Rüger
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