#MH22: Die Zukunft ist jetzt

Mit dem Zukunftskongress #MH22 erlebte ein neues Veranstaltungsformat der Evangelischen Jugend im Rheinland aus dem Mülheimer Kirchenhügel seine Premiere. Nach der Keynote von Luisa Neubauer (Fridays for Future) trafen sich die rund 200 16- bis 24-Jährigen zu Workshops, Vorträgen und weiteren Veranstaltungen auf dem kompakten Kongressgelände in der Mülheimer Altstadt. Festivalatmosphäre macht sich breit zwischen den Bühnen in den beiden Kirchen, dem Altenhof und dem Petrikirchenhaus, und nicht zu vergessen dem Pop-up-Biergarten auf dem Hof zwischen dem Haus der Evangelischen Kirche und St. Mariae Geburt.

Als prominente Gäste kamen unter anderem Jan Schipmann (Journalist, Politikformat „DIE DA OBEN“), Anna-Nicole Heinrich (Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland), Dr. Thorsten Latzel (Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland), Leonie Bremer (Klimaaktivistin), Emily Laquer (Medientrainerin) und viele mehr nach Mülheim. Auch lokale Akteur*innen waren auf den Podien präsent, zum Beispiel die Mülheimer Antirassismustrainerin Gilberte Raymonde Driessen, oder Prof. Dr. Svenja Weitzig (EFH Bochum), frühere Mitarbeiterin der Mülheimer Diakonie.

Die großen Fragen, die in Mülheim diskutiert wurden: Wie kann sich die Jugend in Kirche, Politik und Gesellschaft einbringen? Wofür steht die Kirche in der Zukunft? Die Themen Krieg und Frieden sind aus aktuellem Anlass allgegenwärtig. Aber welche Verbindungen hat die Thematik zum Klimawandel und was hat der wiederum mit Unterdrückung zu tun? Ein kurzer Rundflug durch die verschiedenen Workshops bei „MH22“:

Daniela Heimlich muss sich erst einmal sammeln. Selbst die ihr überreichte Blume ist in diesem Moment zu schwer in den zitternden Händen. Die Jugendsozialarbeiterin der Emmaus-Gemeinde in Oberhausen ist emotional ergriffen vom soeben aufgeführten Theaterstück „Die Welle“.

Theaterstück als Impuls zum Thema Krieg und Frieden

„Ich wollte das Stück immer schon mal aufführen, weil es an Aktualität niemals verlieren wird“, sagte Heimlich über die Geschichte, die sich auf ein Projekt des kalifornischen Lehrers Ron Jones aus dem Jahr 1967 bezieht und die auch 2008 in Deutschland verfilmt wurde – mit Jürgen Vogel und Frederick Lau in den Hauptrollen.

Als das Theaterstück geprobt wurde, hatte der Krieg in der Ukraine noch nicht begonnen

Um zu erklären, wie der Nationalsozialismus zustande kommen konnte, stellte der Lehrer in seiner Klasse ein totalitäres System mit straffer Disziplin, Ahndungen von Zuwiderhandlungen und mit ihm als Alleinherrscher auf. Das Projekt entwickelte eine rasante Eigendynamik. „Wir finden, dass es gerade in der aktuellen Situation so gut passt“, meint Daniela Heimlich. Die Oberhausenerin weiß, dass „noch viel zu tun ist, was den Faschismus betrifft“. Das habe gerade der aktuelle Krieg gegen die Ukraine wieder gezeigt. „Als wir angefangen haben, das Stück zu proben, wussten wir davon ja noch gar nichts.“

Krieg und Frieden als zentrale Themen des Zukunftskongresses

Der Krieg in der Ukraine ist aber nicht nur auf der Bühne des Altenhofs, dem Verwaltungsgebäude des Kirchenkreises An Der Ruhr Thema, sondern praktisch allgegenwärtig in den verschiedenen Veranstaltungen im Rahmen des Zukunftskongresses. In einer Diskussion mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern erörtern Ralf Becker von der Initiative „Sicherheit neu denken“, Marcel Usai von der Evangelischen Schüler- und Schülerinnenarbeit im Rheinland sowie Militärdekan Karsten Wächter die Frage, in welchen Situationen ein Waffengebrauch legitim ist.

Einfache Antworten auf Fragen zu Krieg und Frieden gibt es nicht

Eine echte Antwort kann die Runde aber nicht finden. Jörn Ruchmann, Jugendreferent im Kirchenkreis Köln-Rechtsrheinisch geht sogar so weit, zu gestehen, ihm sei in dieser Debatte der evangelische Kompass verloren gegangen. Auch Karsten Wächter, der als Seelsorger bereits in Kriegsgebieten im Einsatz war, zeigt sich in der Frage zerrissen. „Ich stehe da voller Ohnmacht“, gesteht der Militärdekan.

„Ich würde nie auf den Gedanken kommen, der Ukraine zu raten, sich zu ergeben.“

Schließlich gibt es in dieser Thematik kein richtig oder falsch. „Ich mache mich durch den Waffeneinsatz schuldig aber auch dadurch, dass ich weggucke“, spielt Wächter auf die politische Debatte der vergangenen Tage an. „Man kommt da nicht mit einer weißen Weste raus“, findet er. Eines aber sei klar: „Ich würde nie auf den Gedanken kommen, der Ukraine zu raten, sich zu ergeben.“

Was kann die Kirche in die Diskussion einbringen?

Welche Aspekte kann nun die Kirche in solche Konflikte einbringen? „Es muss immer der Frieden in Aussicht gestellt werden“, betont Ralf Becker. Soll heißen: „Man darf nicht nur in Freund und Feind denken, sondern muss der anderen Seite auch die Hand reichen, sobald sie ihre militärischen Handlungen beendet“, erläutert Becker. Er wünscht sich andere Strategien, „als jedes Jahr 70 Milliarden Euro in die Bundeswehr zu investieren.“

Wie der Klimawandel die Sicherheit gefährdet

Den Begriff Sicherheit neu zu denken, damit hatte sich zuvor auch Marian Losse vom Bildungsangebot „Peace For Future“ in einem weiteren Workshop beschäftigt. Die namentliche Nähe zu Fridays For Future ist dabei längst kein Zufall. Denn für Losse & Co. hängen der Klimawandel und die Konflikte auf der Welt unmittelbar zusammen. „Nicht nur die Atombombe ist eine Gefahr, sondern auch der Klimawandel, etwa die Dürre“, sagt Losse. Dabei müsse sich die westliche Welt eingestehen, dass sie den globalen Süden ausbeutet. „Die Opfer der Klimakrise werden dann wiederum zu Gefahren für unsere Sicherheit“, denkt Losse etwa an Terroranschläge.

 

„Fridays For Future“ ist mehr als freitags zu Demos zu gehen

„Die Klimakrise ist eine große Bedrohung. Sie sorgt für unheimlich großes menschliches Leid aber wir denken nur an die nationale Sicherheit, deswegen müssen wir den Begriff Sicherheit neu denken“, gibt Marian Losse den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit auf den Weg. Apropos „Fridays For Future“: Dass politische Anliegen von jungen Menschen ernst genommen werden, wünschten sich auch Teilnehmerinnen eines Theaterworkshops. „Viele denken ja, man macht es, weil es irgendwie in ist. Sie glauben, man nimmt sich freitags frei und sitzt dann irgendwo mit seinen Fashion-Klamotten. Dabei wissen sie gar nicht, was für eine Mentalität dahintersteckt“, schildert eine Teilnehmerin, als es gerade darum ging, ein kurzes Stück zum Thema Unterdrückung vorzubereiten.

Noch nie Rassismus erlebt? Das kann niemand von sich behaupten

Später schärft Gilberte Driessen an gleicher Stelle die Sinne für alltäglichen Rassismus, den die meisten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sogar freimütig eingestehen. Als die Frage aufkommt, wer noch nie rassistische Gedanken hat, meldet sich niemand. „Ich bin stolz auf Euch“, sagt Driesen, die in Mülheim den Verein Axatin e.V. führt.

Austausch steht im Mittelpunkt des Zukunftskongresses

Unter den insgesamt 19 verschiedenen Angeboten wird am Ende jeder und jede das richtige für sich gefunden haben. „Und wenn nicht, hat man sich in den Hof gesetzt und ist mit total spannenden Menschen ins Gespräch gekommen“, sagt David Offermanns aus dem Vorstand der Evangelischen Jugend im Rheinland, der von dem Event in Präsenzform sichtbar begeistert ist.

 

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Fotos: Yannick Koetter

  • 9.5.2022
  • Marcel Dronia (EJiR)
  • Yannick Koetter