Weltweites Kerzenleuchten: Gedenken an verstorbene Kinder

Am Sonntag, 13. Dezember, ist der Gedenktag für verstorbene Kinder. Weltweit werden um 19 Uhr Kerzen entzündet, vielerorts gibt es Gedenkgottesdienste. Pfarrerin Renate Tomalik weiß, wie sich betroffene Familien fühlen. Als evangelische Seelsorgerin am Klinikum Solingen hat sie schon viel Trauer erlebt.

„Es ist die denkbar größte Katastrophe für eine Familie, die man sich vorstellen kann“, betont Klinikpfarrerin Renate Tomalik mit Blick auf den Verlust eines Kindes. Denn man verliere einen Menschen, mit dem noch so viel Zukunft verbunden worden sei. Da sei Trauer um so viel ungelebtes Leben, unverwirklichte Träume und Wünsche. „Mit dem Kind stirbt auch immer ein Teil der Eltern.“ Zudem werde die „natürliche Ordnung“ ausgehebelt. „Normalerweise sollten Eltern vor den Kindern sterben.“

Seit 21 Jahren für Trauernde da

Aus den Fugen gerät auch das Leben der Betroffenen, wie Tomalik weiß. Seit 21 Jahren arbeitet sie als Seelsorgerin im Städtischen Klinikum Solingen . Zusammen mit ihren je zwei evangelischen und katholischen Kolleginnen und Kollegen steht sie den Patientinnen und Patienten sowie Mitarbeitenden in schwierigen Situationen beiseite – etwa dann, wenn Eltern ein Kind verlieren.

„Trauer ist ein sehr individueller Prozess“

Deshalb kennt sie deren Trauer nur zu gut. Nicht-wahrhaben-wollen, eine tiefe Traurigkeit, Verzweiflung, Wut, Einsamkeit oder das dringende Bedürfnis, mit jemandem darüber sprechen zu wollen. All das seien Phasen, die Betroffene immer wieder durchleben müssten. „Vieles davon passiert gleichzeitig, einen Fahrplan gibt es nicht. Trauer ist ein sehr individueller Prozess.“ Entscheidend sei die Persönlichkeit, nicht aber das Geschlecht. „Ich habe Männer wie Frauen gleichermaßen weinen oder schweigen sehen.“

Renate Tomalik arbeitet seit 21 Jahren als Klinikseelsorgerin in Solingen.

Paare müssen sich Unterschiedlichkeit zugestehen

Jeder müsse seinen eigenen Weg finden, ein Richtig oder Falsch gebe es nicht. „Die größte Herausforderung für Paare ist meist, sich eine unterschiedliche Trauer zuzugestehen.“ Denn anders zu trauern heiße nicht, weniger zu trauern. Eines aber sei immer gleich: „Trauer will durchgearbeitet und nicht verdrängt werden.“ Das sei harte Arbeit, Rückschläge immer möglich. „Gerät dieser Prozess dauerhaft ins Stocken, sollte man sich professionelle Hilfe etwa bei einer Trauerberatung holen“, rät Tomalik.

Geschwisterkinder dürfen nicht vergessen werden

Bei all der Trauer der Eltern dürften zudem die Geschwisterkinder nicht aus dem Blick geraten. Das geschehe jedoch immer wieder, beispielsweise weil Eltern zu sehr mit sich selbst beschäftigt seien. Dabei sei es gerade für Kinder wichtig, richtig zu trauern. „Vor allem jüngere können oft nicht verstehen, dass auch Kinder sterben können. Oder sie fühlen sich verantwortlich, weil sie sich mal gestritten haben“, erläutert Tomalik. Manchmal täusche auch eine vermeintliche Fröhlichkeit über ihre Trauer hinweg. Kinder hielten aber einfach das Gefühl der Traurigkeit nicht so lange aus wie Erwachsene. „Das heißt aber nicht, dass sie im Herzen sehr traurig sind.“ Gut sei es deshalb, mit ihnen die Trauer aktiv zu gestalten. Etwa indem man zusammen das Grab pflegt, zum Geburtstag oder Todestag eine Kerze anzündet und über das Geschwisterkind spricht.

Gedenkgottesdienste an verschiedenen Orten

Tomalik selbst organisiert seit mehr als 15 Jahren mit betroffenen Eltern der Kirchengemeinde Rupelrath einen Gottesdienst zum Weltgedenktag verstorbener Kinder. Am 13. Dezember um 18 Uhr kommen sie in der Kapelle St. Reinoldi Rupelrath zusammen. Es gibt Musik, eine betroffene Mutter predigt und Kerzen werden entzündet. „Dieser Moment ist immer sehr intim und emotional.“ Den persönlichen Erfahrungsbericht hält in diesem Jahr Pfarrerin Tomalik selbst. „Ich erzähle von der Trauer um mein Patenkind, das kürzlich verstorben ist.“ Gedenkgottesdienste gibt es beispielsweise auch in der Evangelischen Kirche Dabringhausen , unter Beteiligung der Evangelischen Klinikseelsorge in Grevenbroich und im kleinen Rahmen bei der Evangelischen Kirchengemeinde Essen-Rellinghausen.

Einen besonderen Platz für Betroffene bietet die Trauerstätte für verstorbene Kinder auf dem Friedhof in Wuppertal-Vohwinkel.

„Niemand versteht Schmerz besser als andere Betroffene“

Angesprochen auf die Bedeutung solcher Gedenktage denkt Tomalik an die Worte der Mutter ihres Patenkindes: „Sie meinte einmal, dass es ihr am allerwichtigsten ist, das andere Menschen mit ihr an ihr Kind denken und es in Erinnerungen lebendig bleibt.“ Gedenkgottesdienste böten Raum, dem Ausdruck zu verleihen. Zudem sei das Miteinander zwischen Betroffenen wichtig. „Niemand kann den Schmerz besser nachvollziehen als Menschen, die dasselbe erlebt haben.“

Hiobgeschichte als Wegweiser für Hilfe

Obwohl Ratschläge schwer seien, könnten aber auch Außenstehende helfen. An diesem Punkt erinnere sie sich gerne an die Geschichte aus Hiob 2,13 . Dort werde erzählt, dass Hiob seine Kinder und alles, was er hat, verliert. Als seine Freunde von dem Unglück hörten, hätten sie sieben Tage und Nächte schweigend bei ihm gesessen, weil sie seinen großen Schmerz erkannten. „Es geht primär nicht darum, was oder ob man etwas sagt. Wichtiger ist, dass man das große Leid anerkennt und das Gefühl vermittelt: ,Ich bin für dich da und versuche es mit dir auszuhalten‘“. All diejenigen, die ein solches Zeichen des Mitgefühls setzen möchten, können am Sonntag um 19 Uhr im Zuge des Weltweiten Kerzenleuchtens eine Kerze ins Fenster stellen – damit möglichst viele Lichter zum Gedenken an all die Leuchten, die zu früh gehen mussten.

  • 10.12.2020
  • Andreas Attinger
  • tstaller/Pixabay, Thomas Förster, Norbert Sdunzik/vohwinkel.net