„Prostituierte haben häufig mit Ausgrenzung zu kämpfen“

Im Saarland finden Sexarbeiterinnen beim Ausstieg aus ihrem Beruf seit kurzem Unterstützung durch das Beratungsangebot „DiWA Saar“. Sabine Kost von der Diakonie Saar über das neue Modellprojekt, seine Ziele und die Bedeutung eines gestärkten Selbstwertgefühls.

Frau Kost, was steckt hinter dem Projekt „DiWA Saar“?

Sabine Kost: „DiWA Saar“ ist ein Beratungs- und Förderangebot der Diakonie Saar in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Verein ALDONA e.V., der saarländischen Fachberatungsstelle für Prostituierte aus Saarbrücken. Unser Ziel ist es, Prostituierte im Saarland beim Umstieg aus der Sexarbeit zu unterstützen. Dabei geht es auch darum, eine Chancengleichheit auf dem regulären Arbeitsmarkt zu schaffen. Das Projekt läuft über drei Jahre und ist eines von bundesweit fünf Modellprojekten , die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert werden.

Wie sieht die Unterstützung konkret aus?

Kost: Den Umstieg aus der Prostitution sehen wir als einen langfristigen Prozess, der auf Freiwilligkeit basiert. Wir begleiten die Frauen bei der persönlichen und beruflichen Neuorientierung. Für die psychosoziale Begleitung ist ALDONA-Mitarbeiterin Lisa Klein zuständig. Die Themen Existenzsicherung und Gesundheitsvorsorge spielen hierbei eine wichtige Rolle. Die Frauen werden zudem etwa bei Behördengängen und der Wohnungssuche unterstützt. Mein Part ist der Bereich Qualifizierung und Vermittlung. Ich unterstütze die Frauen dabei, sich ihrer persönlichen und beruflichen Qualitäten bewusst zu werden und erarbeite zusammen mit ihnen die Grundlagen für eine neue berufliche Perspektive. Dazu gehören beispielsweise die Anerkennung von ausländischen Zeugnisabschlüssen, Sprachförderung, die Vermittlung in Beschäftigung und Qualifizierungen und auch die Stabilisierung bei Beschäftigungsaufnahme.

Mit welchen Herausforderungen haben die Umsteigerinnen zu kämpfen?

Kost: Prostituierte haben häufig mit Stigmatisierung und Ausgrenzung zu kämpfen. Hinzu kommen viele Vorurteile, die sich vor allem im Kontakt mit Institutionen zeigen. Sexarbeit ist ein Thema, das am Rande der Gesellschaft stattfindet und dadurch für die meisten Menschen im Dunkeln bleibt. Suchen Prostituierte dann Ämter auf, stoßen sie nicht immer auf große Offenheit. Jede der Frauen hat ihre eigene Geschichte. Viele von ihnen haben schon ihr ganzes Leben mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Das prägt die Frauen. Sie haben mit persönlichen Unsicherheiten zu tun. Deshalb geht es in unserer Arbeit auch darum, ihr Selbstwertgefühl zu stärken.

Wie viele Frauen betreuen Sie im Moment und welche Probleme gilt es dabei zu bewältigen?

Kost: Im Moment betreuen wir rund zehn Frauen. Dazu gehören auch Frauen, die in Rumänien keine zwei Jahre die Grundschule besucht haben, da sie zu Hause auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen mussten. Entsprechend können sie weder lesen noch schreiben, auch nicht in ihrer Muttersprache. Der Weg ist hier, über niedrigschwellige Sprachkurse ihr Selbstvertrauen aufzubauen. Es geht darum, die Grundvoraussetzungen für einen Zugang zum Arbeitsmarkt zu schaffen. Erst dann folgt die Suche nach einer Arbeitsstelle. Unsere Unterstützung wird ganz nach Bedarf kurzfristig oder umfangreich angesetzt. Es darf auch nicht vergessen werden, dass diese Frauen bei einem Umstieg nicht nur ihren Job aufgeben, sondern auch ihre kompletten Kontakte verlieren. Prostituierte leben häufig rund um die Uhr in ihrer Blase. Wenn sie diese verlassen, entsteht ein großes Vakuum. Deshalb möchten wir in einem nächsten Schritt versuchen, die Frauen zusammenzubringen, damit sie sich gegenseitig unterstützen können.

Wie finden die Frauen zu Ihnen?

Kost: In erster Linie natürlich über ALDONA e.V.. Einige Prostituierte nutzen das dort bereits vorhandene Beratungsangebot. Manche Frauen werden über andere Angebote wie die Wohnungslosenhilfe der Diakonie an uns weitervermittelt. Die ALDONA-Mitarbeiterinnen besuchen aber auch regelmäßig saarlandweit Prostitutionsstätten und weisen bei Bedarf auf das neue Projekt hin. Unsere Botschaft lautet: Wenn Sexarbeiterinnen einen neuen Weg ausprobieren wollen und Pläne für eine berufliche Zukunft haben, können sie sich immer bei uns melden.

Mehr Informationen sowie Kontaktdaten zum Modellprojekt „DiWA Saar“ gibt es hier.

  • 16.2.2022
  • Andreas Attinger
  • Red