Lesungsabend: „Wie ist Jesus weiß geworden?“

Der Abend im Audimax der Kirchlichen Hochschule Wuppertal ist für Sarah Vecera ein Heimspiel. Nur wenige Schritte entfernt liegt der Sitz der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), wo die 38-Jährige arbeitet. Viele Freunde und Bekannte sind gekommen, gleich werden Judy Bailey und ihr Mann Patrick Depuhl musikalisch die Herzen öffnen. Wahrscheinlich erlebt Sarah Vecera diesen Moment und die Umstände als „Safe Space“. Ihre Kirche ist nach ihrer Erfahrung aber für viele People of Color kein solcher geschützter Raum. Ein Grund, warum sie das Buch „Wie ist Jesus weiß geworden?“ geschrieben hat.

Veceras „Traum von einer Kirche ohne Rassismus“ sei das erste deutschsprachige Buch zum Thema Rassismus und Kirche, leitet Moderatorin Nathalie Eleyth den Lesungsabend ein . Ein Traum, der gefragt scheint: Schon 14 Tage nach dem Erscheinen Mitte März konnte der Patmos-Verlag den Druckauftrag für die zweite Auflage erteilen. Eine Nachfrage, die nicht allein auf Veceras Wirken als Autorin beschränkt ist. Ihre Arbeit gegen Rassismus und Diskriminierung habe schon lange vor der Buchveröffentlichung enorm dazu beigetragen, dass die VEM von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen werde, dankt VEM-Generalsekretär Volker Dally der stellvertretenden Leiterin der Abteilung Deutschland.

Auch ein Buch über persönliche Erfahrungen

Sarah Vecera selbst erzählt, sie habe drei Tage vor der Veröffentlichung noch einmal „richtig Angst bekommen“ – Angst vor Abwehrreaktionen und Verletzungen. Denn ihr Buch ist nicht nur ein analytischer Blick auf Geschichte und Gegenwart des Rassismus, auf seine Ausstrahlung in die Kirche und „das Märchen von der Augenhöhe“, wie ein Kapitel überschrieben ist. Sondern es ist auch ein persönliches Buch über ihre Erfahrungen als Person of Color. „Dadurch, dass ich mich öffne, haben die Leserinnen und Leser auch einen Zugang, sich zu öffnen“, ist ihre Hoffnung dahinter.

Auseinandersetzung führt zum Kern der christlichen Botschaft

Überhaupt Hoffnung. Auch sie habe jahrelang geglaubt und hoffe weiter darauf, dass Kirche ein Ort sei, an dem jeder und jede willkommen ist. „Aber dieses Versprechen können wir nicht halten.“ Stattdessen entstehe eine Scheinwirklichkeit, in der sowohl eine Person of Color als auch ihr weißes Gegenüber nicht wahrhaben wollten, dass Rassismus auch in der Kirche geschehe. Die drei wichtigsten Wünsche, die sie mit ihrem Buch verbindet: dass Leserinnen und Leser sich nicht moralisch verurteilt fühlen, sondern sehen, dass sie Verantwortung übernehmen können. Dass sie dabei Freude empfinden, weil sie durch die Auseinandersetzung mit Rassismus an den Kern der christlichen Botschaft erinnert werden. Und dass sie nach der Lektüre mehr über Rassismus wissen und ihn besser erkennen können.

Leben in einem ständigen Alarmsystem

„Die Kirche braucht mich viel mehr als ich sie.“ Dieser Satz stammt nicht von Sarah Vecera, sondern von dem kurz vor Weihnachten 2021 verstorbenen Autor und Rassismus-Referenten Sami Omar. Ihn zitiert sie in „einem meiner Lieblingskapitel“. Es ist mit „People of Color in einer weißen Kirche“ überschrieben und in ihm stecken nach Schilderung der Autorin Erfahrungen ganz vieler betroffener Menschen, mit denen sie während der Entstehung des Buches diskutiert hat. „Person of Color zu sein bedeutet, in einem ständigen Alarmsystem unterwegs zu sein“, schreibt sie.  „Überall könnte Rassismus lauern, die nächste schmerzliche Erfahrung, die mir abgesprochen wird. Der Kinderarzt, der nach der Mehrsprachigkeit fragt; die Erzieherin, die mir erklärt, wie Kinder in Deutschland erzogen werden; die Frau, die ich beim Joggen rechts überhole und die mir hinterherschreit, dass man bei uns links überholt.“

Der Leib Christi als Bild zur Überwindung von Rassismus

Aber doch herrscht in dem Buch ein „hoffnungsvoller Grundton“, wie Moderatorin Eleyth schon zu Beginn des Lesungsabends erstaunt feststellt. Und dieser Grundton mündet im abschließenden „Blick nach vorn“. Darin beschreibt Sarah Vecera unter anderem das biblische Bild von dem einen Leib Christi mit den vielen Gliedern (1. Korintherbrief) als Weg, den Rassismus zu überwinden. „Einen Körper kann ich nicht spalten und von »wir hier« und »ihr dort« sprechen. Es hilft uns als Kirche, nicht von »den anderen« zu sprechen. Jesus selbst ruft uns ebenfalls auf, alle eins zu sein.“

  • 8.4.2022
  • Ekkehard Rüger
  • Ekkehard Rüger, Patmos-Verlag