Liebe wirkt

Frieden geht anders

Christian Pfeiffer beim Vortrag in der Immanuelkirche

Wie umgehen mit Gewalt – und wo sind die Potenziale für ein Friedliches Miteinander? Um diese Fragen dreht sich die aktuelle kirchenkreisweite Themenreihe „Frieden geht anders “, innerhalb der der die Veranstaltung mit Christian Pfeiffer in der Styrumer Kirche stattfand. Die empirische Forschung von Kriminologe Pfeiffer trifft stets einen Nerv. Zum Beispiel mit Fragen zur „gefühlten Sicherheit“ in Deutschland. Damit steigt er auch in seinen Vortrag in der  Immanuelkirche ein. Die Zahl der Sexualmorde sinkt, zählt er auf, ebenso die der Raubdelikte und auch schwere Schlägereien unter Schülern werden weniger. Für all das zitiert er Zahlen, größtenteils aus dem Kopf. Erhoben wurden sie zumeist vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen , dessen Leiter Christian Pfeiffer bis 2015 war. 

In der öffentlichen Wahrnehmung scheint der erwiesene Rückgang von Gewaltkriminalität so gut wie keine Rolle zu spielen, macht Pfeiffer deutlich: „Die Menschen offenbaren eine gefühlte Kriminalitäts-Temperatur, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat“. – „Die Medien“ vermuten die Zuhörerinnen und Zuhörer in der Immanuelkirche schnell als Ursache für das gestörte Sicherheitsempfinden. – Ganz falsch liegen sie damit nicht, bestätigt der Referent und verweist auf den statistischen Zusammenhang zwischen „gefühlter Kriminalitätstemperatur“ und hohem Fernsehkonsum der Befragten. Wer angab, vergleichsweise viel fern zu sehen, fühlte sich deutlich stärker von möglichen Gewaltverbrechen bedroht. 

Als einen systematischen Verzerrer des Kriminalitätsgeschehens machte Pfeiffer außerdem die Kommunikation der AfD aus. 242 Pressemitteilungen einer AfD-Landtagsfraktion über Kriminalität hatte sein Team analysiert, in 95% wurden ausländische Tatverdächtige genannt. „Die anderen waren ,Ausländer mit deutschem Pass‘“. Die Hälfte der AfD-Pressemitteilungen bezog sich auf Tatverdächtige aus Hauptherkunftsländern von Flüchtlingen wie Syrien, Afghanistan und Irak. „Real kamen dort nur 5% der Tatverdächtigen her“, so Pfeiffer. – Auf Nachfrage empfahl der Kriminologe, die Nationalität von Verdächtigen in Presseberichten nicht prinzipiell zu nennen. Es sei denn, die Herkunft spiele eine besonderer Rolle bei der Tat, etwa als Ausdruck einer „typischen Machokultur“. Hintergrund: Bis 2017 sollten Medien laut Selbstverpflichtung im Pressekodex Herkunft und Religion von Straftätern nur dann nennen, wenn ein „begründbarer Sachbezug“ zur Straftat bestand. Nun gilt die Ausnahme schon als legitim, „wenn ein begründetes öffentliches Interesse vorliegt“.

Aller „gefühlter Kriminalitätstemperatur“ zum Trotz: Wir leben deutlich sicherer als in vergangenen Tagen, betonte Pfeiffer. Einen Grund hat er in umfangreichen Befragungen erhoben: Liebevolle Erziehung wirkt. Befragte älterer Jahrgänge gaben deutlich öfter an, in ihrer eigenen Kindheit und Erziehung Gewalt erlebt zu haben, heute hingegen bekommen Kinder deutlich mehr positive Zuwendung. In den Arm nehmen, trösten und loben macht einen empirisch nachweisbaren Unterschied aus. Pfeiffers Team hat das in Befragungen von 15.000 und 12.000 Menschen in den Jahren 1992 und 2011 erhoben. „Es gibt einen Rückgang der Gewaltkriminalität, weil es diese gewaltbehaftete Erziehung kaum noch gibt“, so Pfeiffer. „Was aus einem Kind wird, hängt davon ab, ob seine Umgebung ihm zeigt, was Liebe ist.“ 

Gewalt in der Erziehung „ist für mich ein Lebensthema“, berichtete Pfeiffer, der von 2000 bis 2003 auch niedersächsischer Justizminister für die SPD war. Ausschlaggebend für das Lebensthema war nicht zuletzt die engagierte Rede Astrid Lindgrens zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels, in der sie ein Verbot von Schlägen in der Erziehung forderte.Kritisch berichtet Pfeiffer von einem, mittlerweile nicht mehr vertriebenen, Erziehungsratgeber evangelischer Freikirchen, in dem die richtige Anwendung der „Rute“ im Detail beschrieben wurden.  Die deutsche Politik brauchte bis ins Jahr 2000, um ein Recht auf gewaltfreie Erziehung umzusetzen.

Von den Fortschritten in der Pädagogik scheinen aktuell die Mädchen stärker zu profitieren als die Jungen, die stecken „in der Krise“, so die Diagnose des Kriminologen. „Väter verdünnisieren sich, das trifft die Jungen meist härter“. Jungen schneiden in der Schule weniger erfolgreich ab als Mädchen, auch Durchfallquoten an der Universität seien bei den jungen Männern höher. Als Ursache machte Pfeiffer in empirischen Erhebungen auch das intensive Zocken am Bildschirm aus. „Wer in der realen Welt keine Erfolge hat, sucht sie virtuell“.  Der wachsenden Popularität des E-Sport, und womöglich kommender öffentlicher Förderung, kann der Kriminologe folglich nichts abgewinnen. 

Noch eine andere Entwicklung beschreibt Pfeiffer mit kritischen Worten, den Wandel in den Ditib-Moscheegemeinden. „Da werden Erdoganisten als Imame entsandt.“ Je öfter türkischstämmige Jugendliche in die Moschee gingen, desto mehr „entfernen sie sich von unserer Kultur und übernehmen problematische Ansichten“. Die Ditib sieht Pfeiffer als von Erdogan „ferngesteuert“, sei keine Organisation „die man über Uni-Professoren und Religionslehrer bestimmen lassen sollte.“. Wichtig ist ihm nichts destotrotz: „Wir müssen mit den Muslimen reden, die hier sind. Alle zu beschimpfen bringt nichts. Wir müssen im Dialog bleiben.“

  • 13.2.2020
  • ekir.de
  • ekir_kk_ruhr_6